Stabwechsel bei der US-Notenbank Fed
Der richtige Riecher

Wohl kein Amt ist für das wirtschaftliche Wohlergehen der Welt so entscheidend wie das des Chefs der US-Notenbank Federal Reserve. Dass dies in den letzten 20 Jahren einer breiten Öffentlichkeit kaum bewusst war, haben wir vor allem Alan Greenspan zu verdanken. Mit gutem Gespür und ruhiger Hand hat der 79-Jährige die größte Volkswirtschaft auf diesem Globus und damit auch den Rest der Welt um die Klippen der Weltkonjunktur gesteuert. Heute gibt Greenspan nach mehr als 18 Jahren das Steuer aus der Hand. Ab Mittwoch liegt unser ökonomisches Schicksal in den Händen von Ben Bernanke.

Der Zeitpunkt für den Stabwechsel bei der Fed ist offenbar günstig. Die Weltwirtschaft steht allem Anschein nach vor einem weiteren guten Jahr. Im Hintergrund lauern jedoch enorme Risiken, die Bernanke schnell zum Krisenmanager werden lassen könnten. Die US-Wirtschaft lebt im Schatten einer Immobilienblase und massiver Defizite im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz. Der Ölpreis bleibt mit einer Notierung von fast 70 Dollar ein Dauerrisiko. Ein neuer Terroranschlag könnte die Weltwirtschaft ebenso in die Knie zwingen wie ein Dominoeffekt im unkontrollierten Hedge-Fonds-Gewerbe.

Greenspan hat sich in solchen Krisensituationen meist auf seine Nase verlassen und dabei oft gegen die Lehrbuchweisheiten der Notenbankpolitik gehandelt. Diese Verhaltensweise lässt sich ebenso wenig kopieren wie der Mythos Greenspan.

Bernanke wählt deshalb zu Recht einen anderen Weg. Er will die Geldpolitik der Fed transparenter und damit berechenbarer gestalten. Ein Inflationsziel soll den Finanzmärkten frühzeitig den Kurs der Notenbank signalisieren.

In der Praxis sind zunächst aber keine großen Änderungen zu erwarten. Bereits unter Greenspan verfolgte die Fed ein Inflationsziel. Nur: Der alte Fuchs redete nicht darüber. Die US-Notenbank wird auch unter Bernanke versuchen, ihr Ziel aktiv und flexibel zu erreichen. Der Neue hat den Finanzmärkten in dieser Hinsicht bereits Kontinuität versprochen.

Der Wechsel an der Fed-Spitze wird also eher eine Änderung im Stil als in der Sache bringen. Statt die orakelhaften Deutungen Greenspans zu entschlüsseln – der Mann musste sogar seinen Heiratsantrag wiederholen, weil die Umworbene ihn nicht verstand –, können wir uns demnächst auf die klare und verständliche Sprache Bernankes freuen. Das ist ebenso ein Fortschritt wie die Tatsache, dass Bernanke Teamgeist mitbringt. Unter Greenspan war die Fed eine Ein-Mann-Show. Aber einsame Entscheidungen sind oft nicht die besten. Historische Ausnahmen wie Greenspan sind selten.

Mehr Teamarbeit, eine bessere Kommunikation, ein modernes Inflationsziel: der neue Steuermann der Weltwirtschaft ist für sein Amt gut gerüstet. Ob er seinem Job tatsächlich gewachsen ist, wird allerdings erst eine Krise zeigen. Greenspan musste auf seine Feuertaufe nur zwei Monate warten, dann fielen am „Black Monday“ 1987 die Börsenkurse steil in den Keller. Auch für Bernanke könnte der Härtetest schneller kommen als gedacht. Vielleicht wird er dann wie sein Vorgänger feststellen, dass es im entscheidenden Augenblick eben auch auf den richtigen Riecher ankommt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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