Stahl
Mit Augenmaß

In den vergangenen Jahren hatten die Stahlkocher ein ziemlich einfaches Geschäft. Der Hochofen wurde mit Koks und Eisenerz beschickt und der abfließende Stahl wurde den Firmen von den Kunden aus den Händen gerissen. Die Nachfrage war so groß, dass es sich die Produzenten sogar erlauben konnten, bestehende Verträge nicht einzuhalten. Im Herbst fand dieses Wirtschaften ein Ende, der Glaube einiger Stahlmanager an den ewigen Aufschwung erwies sich als trügerische Hoffnung.
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DÜSSELDORF. Die Rezession hat die Stahlkocher fest im Griff; Monat für Monat schrumpft die Produktion. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die Krise im März, als sich der Stahlausstoß in Deutschland auf 2,1 Mio. Tonnen halbierte. Das ist der stärkste Einbruch in der gesamtdeutschen Statistik. Aber dem Rückgang kann man auch eine gute Seite abgewinnen. An ihm zeigt sich die Disziplin der Branche. Statt Stahl zu Dumpingpreisen auf den Markt zu werfen, bleiben die Stahlkocher der Strategie „Preis vor Menge“ treu.

Die Stahlpreise sind zwar massiv gefallen und haben wohl noch nicht ihren Boden gefunden. Ohne die Branchendisziplin wäre der Einbruch aber schärfer ausgefallen. Zudem beugt der Pakt der Produzenten höheren Lagerbeständen vor, die eine Erholung der Branche in eine ferne Zukunft verschieben würden.

Offenbar hat die Industrie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Am Ziel ist sie damit aber nicht. Denn einige Unternehmen wie etwa Marktführer Thyssen-Krupp schleppen aufgeblähte Verwaltungsstrukturen mit sich herum, die Entscheidungsprozesse verzögern und unnötige Kosten produzieren. Thyssen-Krupp hat das Problem mittlerweile erkannt.

Beim Umbau muss die Branche mit Augenmaß vorgehen, so wie sie es im bisherigen Verlauf der Krise auch getan hat. Sollte dem bislang geräuschlosen Abbau von mehreren Tausend Stellen ein Kahlschlag folgen, dann würden sich die Stahlkocher die Chance für den nächsten Aufschwung nehmen. Verschreckt würden auch dringend benötigte Nachwuchs-Ingenieure. Diese braucht die Branche nicht nur, um einer Überalterung vorzubauen. Viel wichtiger ist es, Fachkräfte an sich zu binden. Denn ohne Innovationskraft droht den deutschen Produzenten die führende Rolle als Qualitätsanbieter verlorenzugehen.

murphy@handelsblatt.com

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