Stahlindustrie
Riskante Manöver

Bei den Milliardenbeträgen, die derzeit für Übernahmen in der Stahlindustrie über den Tisch gehen, fühlt man sich unweigerlich an den Boom in der New Economy erinnert.

Selbst für nicht gerade erstklassige Unternehmen wie die britisch-niederländische Corus-Gruppe werden Summen geboten, die einer kritischen Analyse nicht standhalten. Besonders diejenigen, die die Entwicklung in der Stahlindustrie nur mit einem halben Auge verfolgen, reiben sich verwundert die Augen. Denn es ist noch gar nicht lange her, da wurde die extrem zyklische Branche immer wieder von heftigen Krisen geschüttelt. Einem konjunkturellen Hoch folgte jedes Mal der Absturz. Besonders in Europa, wo in vielen Ländern der Staat an Stahlunternehmen beteiligt war, waren die Gesetze des Marktes außer Kraft gesetzt: Ging im Abschwung die Nachfrage zurück, drosselten die Unternehmen nicht etwa das Angebot. Im Gegenteil, sie produzierten – nur um Entlassungen zu vermeiden – munter weiter. Dass die Preise danach in den Keller rauschten, war nicht weiter schlimm. Denn für die Verluste der Stahlhersteller stand die Politik gerade.

Erst das Ende der schädlichen Subventionspraxis und die anschließende Privatisierung der Stahlindustrie sorgte ab Mitte der neunziger Jahre für einen funktionierenden Wettbewerb. Den Startschuss für die Konsolidierung in Europa gaben Thyssen und Krupp, die sich 1997 zusammenschlossen. Zwei Jahre später folgte die Fusion von British Steel und der niederländischen Hoogovens zu Corus. Arcelor im Jahr 2000 war das Resultat eines luxemburgisch-spanisch-französischen Zusammenschlusses. Sechs Jahre später sind es allerdings die aufstrebenden Konkurrenten aus den Schwellenländern, die den Markt aufrollen. Der seit drei Jahren anhaltende, von der immensen Stahlnachfrage Chinas ausgehende weltweite Boom beschert den Angreifern exquisite Gewinne. Denn anders als die etablierten Konkurrenten sind sie häufig Selbstversorger mit wichtigen Rohstoffen wie Kokskohle und Erz. Deren Preise haben sich seit 2004 extrem verteuert.

Die enorme finanzielle Feuerkraft macht sogar spektakuläre Zukäufe möglich: Erst schluckte Ende Juni der aus Indien stammende Milliardär Lakshmi Mittal Arcelor. Inklusive Schulden ließ sich Mittal die Transaktion 37,5 Milliarden Euro kosten. Und jetzt balgen sich die indische Tata und der brasilianische Konkurrent CSN um den zweitgrößten europäischen Stahlproduzenten Corus. Selbst beim aktuellen Übernahmegebot von CSN, das sich einschließlich Schulden auf neun Milliarden Euro beläuft, scheint das Ende des Preispokers noch nicht erreicht zu sein. Dabei dürfte Corus 2007 vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen nicht mehr als 1,3 Milliarden Euro verdienen. Mit anderen Worten: Die beiden Interessenten schrecken nicht davor zurück, das Siebenfache des voraussichtlichen Gewinns als Kaufpreis zu bezahlen. Verglichen mit den jüngsten Übernahmen in der Branche bewilligen sie damit eine Prämie von mehr als 25 Prozent.

Mittal, Tata und CSN verfolgen identische strategische Ziele: Mit der Übernahme steigen sie unmittelbar in den lukrativen Markt mit Blechen für die Automobilindustrie ein, der bisher von den Europäern dominiert wurde. Mit einem Schlag holen sie so den Technologievorsprung der westlichen Konzerne auf. Aber auch die allgemeine Marktentwicklung zwingt zum Handeln. Denn mit Arcelor Mittal ist ein überragender Anbieter entstanden, der mit einer Jahresproduktion von 120 Millionen Tonnen Stahl zehn Prozent des Weltmarktes kontrolliert und die Konkurrenz weit hinter sich lässt. Gemeinsam mit Corus würden sich Tata oder CSN auf Platz fünf in der Weltrangliste verbessern. Arcelor Mittal wäre aber immer noch viermal größer. Die Konsolidierung in der Branche wird deshalb fortschreiten. Denn verglichen mit ihren wichtigsten Kunden, der Automobilindustrie, und den größten Lieferanten, den Rohstoffkonzernen, sind selbst die führenden Stahlhersteller Leichtgewichte. Die teuren Übernahmen werden sich allerdings nur rechnen, wenn die Branche auch in Zukunft ruinöse Preiskämpfe vermeidet und bei sinkender Nachfrage die Produktion drosselt. Denn der Zyklus ist nicht tot. Nach den olympischen Spielen 2008 in China, spätestens aber ab 2010 rechnen Fachleute mit einem Ende des Booms. Der Grund sind wachsende Überkapazitäten.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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