Stammzellforschung
Scheinheilig

Als Sternstunden des deutschen Parlamentarismus werden gerne die Debatten bezeichnet, bei denen die Abgeordneten losgelöst von Fraktionszwängen frei über ethische Grundsatzfragen diskutieren und entscheiden dürfen. Nach der Sommerpause wird es wieder so eine angebliche Sternstunde geben: Eine fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe will sich dann um eine Änderung des 2002 geschaffenen Stammzellgesetzes kümmern.
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Es wird wieder hoch hergehen, das steht jetzt schon fest. Denn wieder einmal geht es um zwei hehre gesellschaftspolitische Ziele: Die Freiheit der Forschung steht gegen das Interesse der Gesellschaft, menschliches Leben zu schützen, auch das ungeborene. Embryonale Stammzellen sind „pluripotent“. Das bedeutet, aus ihnen lassen sich alle Zellen des menschlichen Körpers generieren. Dies hat, seit 1981 die erste embryonale Stammzelle aus dem Frühstadium eines Mäuseembryos isoliert wurde, zur Entwicklung eines international boomenden Forschungszweigs geführt. Ziel ist, mit Hilfe embryonaler menschlicher Stammzellen neue Therapien gegen bislang unheilbare Krankheiten wie Parkinson zu entwickeln. Weltweite Schlagzeilen machten auch bislang vergebliche Versuche, menschliche Embryonen zu klonen, um so Stammzellen für therapeutische Zwecke zu gewinnen.

Um immer neue Stammzelllinien für die Forschung zu gewinnen, werden überall auf der Welt bei der künstlichen Befruchtung entstandene überzählige menschliche Embryonen „verbraucht“, also in strenger ethischer Diktion gesprochen: getötet. Ein solcher Verbrauch ist in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz aber verboten, weil, so die Begründung, auch der frühe Embryo als menschliches Wesen unter den Würdeschutz des Grundgesetzes fällt und damit sein Leben keinerlei Abwägungen unterliegen darf. Genau um solche Abwägungen kamen die Parlamentarier aber schon 2002 nicht herum, als es zum ersten Mal darum ging, deutschen Biowissenschaftlern die Möglichkeit zu eröffnen, auf den internationalen Zug der verbrauchenden Embryonenforschung aufzuspringen. Das Embryonenschutzgesetz wollte eine Mehrheit nicht in Frage stellen. Also verfiel man auf die Lösung, deutschen Forschern zu erlauben, mit ausländischen Stammzelllinien zu arbeiten, die vor dem 1. Januar 2002 erzeugt wurden. Damit sollte zumindest verhindert werden, dass von Deutschland ein Anreiz ausgeht, im Ausland immer neue Embryonen zu verbrauchen.

Dem moralischen Dilemma, Lebensschutz gegen Forschungsfreiheit, ist man damit tatsächlich nicht entkommen. Dies zeigt sich heute. Im Ausland wird inzwischen mit nach 2002 entstandenen Zelllinien geforscht. Deutsche Forscher, die mit den veralteteten und mit tierischem Material verunreinigten Stammzellkulturen von vor 2002 arbeiten müssen, drohen erneut den Anschluss zu verlieren. Eine Mehrheit des Nationalen Ethikrats ist deshalb dafür, künftig den Import von Stammzellen generell unter der einzigen Bedingung zuzulassen, dass sie von frei zugänglichen nicht kommerziellen Stammzellbanken abgegeben werden. Damit, so die Begründung, würde genau so gut wie durch eine Stichtagsregelung verhindert, dass von deutschen Forschern Anreize zur kommerziellen Vernichtung menschlicher Embryonen ausgehen. Andere, auch etliche Bundestagsabgeordnete, fordern eine neue Stichtagsregelung.

Scheinheilig sind beide Vorschläge. Darauf hat eine Minderheit des Ethikrats zu Recht hingewiesen. Denn auch eine Verschiebung des Stichtages würde bedeuten, dass der deutsche Gesetzgeber nachträglich gut heißt, dass im Ausland auch nach 2002 menschliche Embryonen für die Forschung verbraucht wurden, während er diesen Verbrauch im Inland weiter verbietet. Aus diesem moralischen Dilemma führen nur zwei Wege heraus: Der Bundestag kann sich auf den auch von einigen Biowissenschaftlern vertretenen Standpunkt stellen, dass die verbrauchende Embryonenforschung noch so weit von einem Durchbruch zu neuen Therapien entfernt ist, dass es bei der alten Gesetzeslage bleiben kann. Der deutschen Forschung bliebe dann nichts anderes übrig, als sich noch stärker als bisher auf die Forschung an z.B. aus der Nabelschnur gewonnenen adulten Stammzellen zu konzentrieren. Will der Gesetzgeber dies nicht, darf er sich nicht länger um die Entscheidung drücken, ob das hohe Interesse an der Erforschung neuer Therapien, selbst wenn sie erst in einem Jahrzehnt zum Erfolg führt, es rechtfertigt, den Verbrauch menschlicher Embryonen auch in Deutschland zuzulassen und das Embryonenschutzgesetz zu ändern. Eine solche aufrichtig geführte Debatte könnte in der Tat zur Sternstunde werden.

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