Standort
Lieber zu Hause forschen

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Für Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) hätte das Jahr kaum besser zu Ende gehen können. Erst erhielten zwei deutsche Forscher Nobelpreise in Chemie und Physik, nun bekennen sich die heimischen Unternehmen mit deutlicher Mehrheit zum Forschungsstandort Deutschland – und planen entgegen vielen Befürchtungen derzeit keine Verlagerung ihrer Aktivitäten ins Ausland.

Bereits ein Jahr nach dem Start der High-Tech-Strategie der Bundesregierung hat sich das Klima für Innovationen in Deutschland spürbar verbessert. Mehr als sechs Milliarden Euro stellt die Regierung mit dieser Initiative für Forschungsprojekte in dieser Legislaturperiode zur Verfügung. Nach Schätzung der Forschungsministerin könnte der private Sektor zusätzlich über strategische Partnerschaften zwischen Wirtschaft und Wissenschaft eine sechsmal größere Summe hinzufügen – und eineinhalb Millionen Arbeitsplätze schaffen. In aktuellen Umfragen haben viele Unternehmen bereits angekündigt, ihre Forschungsaktivitäten weiter zu verstärken. Der Forschungsstandort, so scheint es, ist besser als sein Ruf.

Ganz nüchtern muss man festhalten, dass deutsche Unternehmen auch deshalb mehr Geld in ihre Forschungsabteilungen investieren, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Denn die Auszeichnung als Exportweltmeister kann Deutschland nur dann verteidigen, wenn die hiesigen Forschungslabors erfolgreiche Produkte für die Weltmärkte hervorbringen. Die High-Tech-Strategie der Regierung kann dies nur unterstützen.

Doch bei allen positiven Anzeichen gibt es wenig Grund für grenzenlosen Optimismus. Ein wesentlicher Risikofaktor für den Forschungsstandort sind die Universitäten. Noch immer landen deutsche Hochschulen im internationalen Vergleich auf hinteren Rängen, abgeschlagen hinter Cambridge, Oxford oder Havard. Die Exzellenzinitiative der Regierung, mit der neun Top-Universitäten in Deutschland gefördert werden, wird das so schnell nicht ändern.

Der hohe Fachkräftemangel droht zudem nicht nur zur Wachstumsbremse für Deutschland zu werden, sondern auch zur Gefahr für den Forschungsstandort. Noch liegen keine ausgereiften Konzepte auf dem Tisch, um beispielsweise die Zahl von Ingenieuren zu erhöhen. Doch die Zeit drängt.

Unklar ist auch, welche Konsequenzen die Unternehmen aus der Unternehmensteuerreform ziehen, die Anfang 2008 in Kraft tritt. So sinken zwar die Sätze für die Besteuerung von Gewinnen, was den Firmen zusätzlichen Spielraum für Forschungsinvestitionen verschafft, doch gleichzeitig will die Bundesregierung die Verlagerung von Betriebseinheiten ins Ausland mit einer Strafsteuer ahnden. Wie die Unternehmen auf dieses Detail der Steuerreform reagieren, ist schwer vorherzusagen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Unternehmer seine Forschungsaktivitäten in Deutschland zurückfährt. Dann müsste die Forschungsministerin ihre Bilanz nachträglich korrigieren.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur

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