Standortentscheidung
Daimler made in Hungary

Ausgerechnet Ungarn. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass Polen und Rumänien im Wettlauf um das neue Daimler-Werk für Osteuropa den Kürzeren ziehen würden. Die Auswahl des Standorts Kecskemét 80 Kilometer südlich von Budapest ist insbesondere ein Schlag ins Gesicht für die als Favoriten gehandelten Rumänen. Daimler hat sich nicht für den billigsten Standort entschieden, sondern für den besten. Eine Analyse.
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Ausgerechnet Ungarn. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass Polen und Rumänien im Wettlauf um das neue Daimler-Werk für Osteuropa den Kürzeren ziehen würden. Die Auswahl von Kecskemét 80 Kilometer südlich von Budapest ist insbesondere ein Schlag ins Gesicht für die als Favoriten gehandelten Rumänen. In ihrem Land werden die niedrigsten Löhne der drei Standortkandidaten gezahlt. Und trotzdem hat sich der Daimler-Konzern für das teurere Kecskemét entschieden.

Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ist Ungarn derzeit nicht unbedingt die erste Wahl. Aufgrund innenpolitischer Querelen musste die linke Regierung unter Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany einen ökonomischen Reformplan nach dem nächsten abblasen. Die Intentionen der Regierung waren prinzipiell richtig und gut, etwa im Gesundheitswesen und in der Bildung, wo der Regierungschef mehr marktwirtschaftliche Lösungen einführen wollte. Doch die Versuche sind im Parlament steckengeblieben. Gyurcsanys Koalition ist zerbrochen.

Auch wichtige gesamtwirtschaftliche Daten sprechen nicht gerade für einen Standort in Ungarn. Die Inflation liegt bei vergleichsweise hohen sieben Prozent, das Haushaltsdefizit der Regierung in Budapest wird dieses Jahr voraussichtlich eine Quote von 4,2 Prozent erreichen. Die Einführung des Euros ist damit in weite Ferne gerückt. Andere Osteuropäer wie etwa Slowenen und Slowaken haben den Euro bereits in der Geldbörse oder werden damit nächstes Jahr bezahlen.

Gyurcsany hat dafür seine Quittung bekommen: Im ersten Quartal ist das ungarische Sozialprodukt - völlig untypisch für die Länder Osteuropas - gerade einmal um 1,7 Prozent gewachsen. Sogar das tendenziell wachstumsschwache Deutschland konnte in den ersten drei Monaten des Jahres mit einem höheren Wachstum glänzen.

Und trotzdem entscheidet sich der Daimler-Konzern für Kecskemét. Die Stuttgarter haben ihre Gründe dafür. Natürlich spielen Subventionen bei einer solchen Standortauswahl eine wichtige Rolle, und Ungarn wird wahrscheinlich einen stattlichen Millionenbetrag auf den Tisch legen. Aber damit wird sich die Regierung Gyurcsany kaum von den Konkurrenten in Warschau und Bukarest unterscheiden. Finanziell alimentiert werden solche Standortentscheidungen bis an die Grenzen, die die EU in Brüssel erlaubt.

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