Statoil/Norsk Hydro
Sicherheit durch Größe

Die Fusion der Energie-sparten von Norwegens Öl- und Gas-Konzernen Statoil und Norsk Hydro zu einem neuen europäischen Energieriesen ist eine gute Sache: Für die Aktionäre allemal.

Denn die gestern bekannt gegebene Eheschließung war von Fachleuten seit Jahren gefordert worden. Die beiden Unternehmen hätten auf dem internationalen Parkett zunehmend miteinander konkurriert. Und auch in den beiden Konzernen selbst ist man in den vergangenen Wochen zu der Einsicht „big is beautiful“ gelangt. Deshalb wurde der Schritt an der Börse in Oslo denn auch mit starken Kursanstiegen begrüßt. Wesentlich wichtiger aber ist, dass mit der Bildung des neuen Energiekonzerns mittel- bis langfristig ein ernst zu nehmender Wettbewerber zur russischen Gazprom entsteht. Damit könnten die Befürchtungen, Westeuropa begäbe sich im Bereich der Energie in eine zu starke Abhängigkeit von Russland, allmählich beseitigt werden. Tatsächlich wird das der Fall sein, allerdings nicht von heute auf morgen.

Norwegen steht schon heute für einen großen Teil der Erdgaslieferungen nach Europa. Deutschland etwa bezieht gut ein Viertel seiner Erdgasimporte über ein gigantisches Pipelinesystem aus der norwegischen Nordsee. Und auch beim Öl mischt das skandinavische Land mit einem Lieferanteil von gut 15 Prozent mit. Allerdings dürfen daraus keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Als Russland und sein Fast-Monopolist Gazprom vor einem Jahr der Ukraine kurzfristig den Gashahn zudrehten und auch nach Westeuropa einige Tage lag weniger Erdgas lieferten als vertraglich vereinbart, konnte Norwegen nicht in die Bresche springen. Sowohl Statoil als auch Norsk Hydro förderten an der Kapazitätsgrenze. Außerdem sind langfristige, manchmal über Jahrzehnte laufende Lieferverträge in dieser äußerst kapitalintensiven Branche an der Tagesordnung.

Damit die gewaltigen Investitionen im Nordatlantik, wo beide norwegischen Konzerne einen Großteil ihres Gases und Öls aus bis zu tausend Meter Tiefe fördern, überhaupt gemeistert werden können, ist diese Industrie auf sehr langfristige Abnahmegarantien angewiesen. So ist beispielsweise das Flüssiggas, das ab 2009 im norwegischen Teil der Barentssee produziert werden soll, bereits vollständig an die USA und Spanien verkauft. Eine verbesserte Energiesicherheit ist von der Bildung des neuen norwegischen Konzerns also nicht unmittelbar zu erwarten. Doch mittelfristig wird es wohl ganz Europa nutzen, dass es neben Gazprom einen weiteren großen Anbieter von Öl und Gas gibt, zumal dieser überaus zuverlässig liefern und keine politischen Bedingungen stellen wird.

Dass Letzteres oft der Fall ist, bekommen vor allem die ehemaligen Sowjetrepubliken zu spüren: Erst war es die Ukraine, jetzt droht Moskau Georgien und anderen abtrünnigen Republiken. Und auch die neuen EU-Länder auf der anderen Seite der Ostsee – Estland, Lettland und Litauen sowie Polen – sind den Lieferbedingungen von Gazprom nahezu ohnmächtig ausgeliefert. Wenn Moskau, wie es gerade der Fall ist, die Erdgaspreise deutlich erhöht, heißt es für die neuen EU-Staaten, dies entweder zu akzeptieren oder zu frieren. Auch deshalb ist man dort von der Idee, eine Gaspipeline durch die Ostsee von Russland nach Deutschland unter Ausschluss dieser Länder zu bauen, alles andere als begeistert. Erst eine Anbindung des osteuropäischen Strom- und Gasnetzes an das der westlichen EU würde in ganz Europa für Energiesicherheit sorgen.

Ein erster winziger Schritt wurde vor einer guten Woche mit der Inbetriebnahme eines Stromkabels zwischen Finnland und Estland gemacht. Mit diesem hochmodernen Kabel, das auf Knopfdruck Lieferungen in beide Richtungen erlaubt, sind die baltischen Länder erstmals seit ihrer Unabhängigkeit vor 15 Jahren an das westeuropäische Netz gekoppelt. Gleich in den ersten Tagen lieferte Estland Strom nach Finnland. Weitere derartige Kabel sollen zwischen Schweden, Litauen und Polen verlegt werden. Die Bildung des neuen norwegischen Energieriesen wird Europas Abhängigkeit von Moskau zwar reduzieren, aber eben erst auf mittlere Sicht. Umso mehr gilt es deshalb, zunächst mit eigenen Mitteln den europäischen Energieverbund zu stärken.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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