Stimmt es, dass...
Beruhen die neuen Eigenkapitalregeln auf Denkfehlern?

Die neuen Basel III Regeln sollten der hemmungslosen Finanzwirtschaft Einhalt gebieten. Doch die neuen Regeln sind nur ein winziger Schritt in die richtige Richtung. Viele Baustellen bleiben im Rohzustand.
  • 2

Die Zentralbanker und sonstigen Bankaufseher, die im Baseler Ausschuss die neuen Regeln ausgekocht haben, die festlegen, wie viel Eigenkapital eine Bank vorhalten muss, wollen uns glauben machen, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben. Die Basel III genannten Regeln sollen schaffen, was Basel I und Basel II nicht getan haben, Finanzkrisen verhindern.

Doch die Schöpfer der neuen Regeln haben nur vordergründig etwas gelernt. Im Wesentlichen läuft es auf die Erkenntnis hinaus, dass die Eigenkapitalanforderungen zu niedrig waren und deshalb erhöht werden sollen. Aber das wird nicht reichen. Denn die verfehlte, an der einzelnen Bank orientierte Philosophie ist erhalten geblieben.

Zwar wird viel über "makroprudentielle Orientierung" geredet. Das soll heißen, dass die Gesamtentwicklung stärker in den Blick rücken soll. So sollen die Anforderungen schärfer werden können, wenn die Kreditvergabe insgesamt stark steigt. Aber das ist nur ein winziger Schritt in die richtige Richtung, solange das Risiko des einzelnen Kredits oder des einzelnen Investments weiterhin nur am Risiko der Bank und nicht am Risiko für die Volkswirtschaft gemessen wird.

Die Eigenkapitalanforderungen sind als Prozentsatz der verschiedenen Vermögenswerte einer Bank berechnet. Je höher das Ausfallrisiko für die einzelne Bank, desto höher das Eigenkapital, das die Banken vorhalten müssen, um Ausfallrisiken bei diesen Vermögenswerten abdecken zu können.

Die Risiken für die Volkswirtschaft sind aber ganz andere als die Risiken für die einzelne Bank. Wenn die Banken eine Geldschwemme von den Zentralbanken, wie sie derzeit über sie schwappt, vor allem in schon vorhandene Vermögenswerte lenken, seien es Immobilien, Aktien oder Rohstoffe, dann bringt das die Gefahr einer Preisblase mit sich, die später platzen könnte und den Staat zu kostspieligen Bankenrettungen zwingt.

In Risikoberechnungen, die die Ausfallwahrscheinlichkeiten anhand der letzten fünf oder zehn Jahre errechnen, taucht dieses Risiko kaum auf, denn es sind jedes Mal andere Vermögenswerte, bei denen sich eine Blase bildet.

Wenn die Banken das Geld stattdessen für Kredite für produktive Investitionen verwenden, mag das Ausfallrisiko für die einzelne Bank höher erscheinen. Für die Volkswirtschaft und für die Sicherheit des Bankensystems insgesamt sind solche Kredite jedoch um ein Vielfaches erstrebenswerter als Kredite für Aktien- oder Immobilieninvestments.

Indem die Schöpfer von Basel III im Wesentlichen an ihrer Fokussierung auf die einzelne Bank festgehalten haben, haben sie eine äußerst wirkungsvolle Möglichkeit ungenutzt gelassen, das viele neue Geld, das die Zentralbanken in Umlauf bringen, in volkswirtschaftlich und für die Finanzstabilität sinnvolle Verwendungen zu lenken. Hätten sie diese Möglichkeit genutzt, hätten sie die Wirtschaft mit viel weniger Ausweitung der Zentralbankgeldmenge ankurbeln können.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Beruhen die neuen Eigenkapitalregeln auf Denkfehlern?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Herr Häring, Sie sagen: "[...] haben sie eine äußerst wirkungsvolle Möglichkeit ungenutzt gelassen, das viele neue Geld, das die Zentralbanken in Umlauf bringen, in volkswirtschaftlich und für die Finanzstabilität sinnvolle Verwendungen zu lenken. Hätten sie diese Möglichkeit genutzt, hätten sie die Wirtschaft mit viel weniger Ausweitung der Zentralbankgeldmenge ankurbeln können."

    Soll via Bankenregulierung jetzt mikroökonomisches Management betrieben werden?

    Das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein, Herr Häring.

  • Herr Häring, Sie sagen: "Die Basel III genannten Regeln sollen schaffen, was Basel I und Basel II nicht getan haben, Finanzkrisen verhindern."

    Tatsächlich haben Basel I und II die Finankrisen nicht nur nicht verhindert, sondern sie haben sie erzeugt.

    Denn ohne die blinde Genehmigung von Agenturenratings als Grundlage von Risikobewertungen und die betrügerischen "Ratings" für synthetische ABS wäre doch die Finanzkrise I nie zustande gekommen.

    Und die Finanzkrise II ist auch dadurch veruracht worden, daß Griechenland erst im April 2010 sein Investmentgrade Rating verloren hat. Was dann die Schwierigkeiten natürlich noch verstärkt hat.

    ...

    Umso einheitlicher man Finanzmarktakteure regelt, desto größer werden die Krisen die man sich dadurch einhandelt.

    Rußlandkrise, Tequillakrise, Argentinienkrise ... alles erträglich.

    Die Folgen von Großkrisen wie sie fucrh Basel angerichet wurden sind es NICHT.

    ...

    Kapitalismus ohne Krisen wird es nicht geben. Es kommt darauf an, die Krisen klein zu halten.

    ...

    Basel gehört auf den Müllhaufen der Wirtschaftsgeschichte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%