Stimmt es, dass ...
Betreibt die EU-Kommision schädlichen Sozialklimbim?

Mit den Plänen zur Corporate Social Responsibility (CSR) will die EU-Kommission das Vertrauen der Menschen in die Unternehmen stärken. Doch haben das die Konzerne wirklich nötig?
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Die EU-Kommission hat vor, immer mehr Unternehmen, also nicht nur die großen Kapitalgesellschaften, durch neue Vorschriften zu regelmäßigen Berichten über ihre Corporate Social Responsibility (CSR) - zu Deutsch ihre soziale Unternehmensverantwortung - zu nötigen.

Es ist absehbar, dass das mehr schadet als nützt. Es dürfte Folgendes bewirken: 1. Der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung, Regeln zu erlassen, die verbindlich einfordern, was die Gesellschaft für richtig hält. 2. Kleine Unternehmen werden mit dem Berichtsaufwand überproportional belastet. 3. Große, weltweit operierende Unternehmen mit starken Marken, die unter besonderer Beobachtung der Kunden stehen, wie Apple oder Nike, können sich ihrer Verantwortung durch Erfüllung formaler Auflagen entledigen. 4. Kleine Unternehmen werden wegen des zusätzlichen Aufwands davon abgehalten, mit internationalen Zulieferern zu kooperieren. Denn sie müssen deren CSR überwachen. Welche Vorteile die CSR-Berichte haben, ist schwer zu sehen.

Die EU-Kommission erklärt, das Vertrauen der Menschen in die Unternehmen sei durch die aktuelle Wirtschaftskrise stark gesunken und müsse wieder gestärkt werden. Diese Diagnose ist allein schon fragwürdig. Gesunken ist das Vertrauen in die Finanzbranche. Deshalb die produzierenden Unternehmen mit zusätzlichem bürokratischem Aufwand zu überziehen, ist eine zweifelhafte Strategie. Außerdem basiert die EU-Strategie fast nur auf dem Eingehen von Selbstverpflichtungen und der Produktion von Papier. Die Umsetzung und Kontrolle wird den "Stakeholdern" angetragen, also Aktionären, Beschäftigtenvertretern, Kunden und Lieferanten

Wenn tatsächlich ein Glaubwürdigkeitsproblem der Unternehmen entstanden sein sollte, so deutet die Erfahrung nicht darauf hin, dass von Brüsseler Vorgaben inspirierte Papierberge dieses lösen werden.

Außerdem soll die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch CSR-Berichte gestärkt werden. Das mag durchaus für manches große Unternehmen mit wertvollem Markennamen der Fall sein. Warum es bei kleinen Unternehmen, die nicht im Blick der Öffentlichkeit stehen, der Fall sein soll, erschließt sich nicht ohne weiteres. Entsprechend ist auch nicht klar, warum die Unternehmen zu ihrem vermeintlichen Glück gezwungen werden sollen.

Und dann ist da noch das Argument, dass viele Unternehmen soziale und ökologische Belange nicht ausreichend berücksichtigten, und manche sogar die Menschenrechte verletzten.

Wenn dem so ist, darf sich der Staat nicht durch CSR-Klimbim aus der Verantwortung stehlen. Der Staat muss verbindlich festlegen, welche sozialen und ökologischen Belange Unternehmen einzuhalten haben. Es ist widersprüchlich und heuchlerisch, auf verbindliche Regeln zu verzichten, gleichzeitig die Unternehmen immer schärferem internationalem Wettbewerbsdruck auszusetzen, und dennoch von ihnen zu verlangen, freiwillig irgendwelche selbst definierten höheren Standards einzuhalten.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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