
Es wäre eine Niederlage für jenes Camp, das sich eine umfassende Strategie auf die Fahnen geschrieben hat. Und ein Sieg für das Lager um Vizepräsident Joe Biden. Der glaubte nie an das Gesamtkonzept, das aus einer Kombination von Terrorbekämpfung und Befriedung besteht.
Für Biden geht es in Afghanistan rein um die Ausschaltung von Terroristen. Obamas Vize will mit Hilfe von Spezialkommandos und dem Einsatz von Drohnen Taliban und Terroristen jagen. Dass Afghanistan grundlegend „umgedreht“ und politisch in einem westlichen Sinn stabilisiert werden könnte, überzeugte Biden nie. Zwar konnte sich der Vizepräsident mit dieser Ansicht nicht durchsetzen und musste zusehen, wie Barack Obama Ende letzten Jahres in West Point eine andere Afghanistan-Strategie verkündete. Doch mit dem Streit um McChrystal bekommt er eine zweite Chance. Eine, die den Verbündeten der USA allerdings wenig gefallen dürfte. Weil sie mit „Nationbuilding“ und Zivilgesellschaft überhaupt nichts mehr zu tun hat.
Die Wahrheit ist aber auch: McChrystal hatte mit seinem militärisch-zivilen Ansatz wenig Erfolg. Die Offensive in Marja lief schlecht, weil der Vertreibung der Taliban aus der Provinz Helmand nicht der nächste Schritt folgte. Der 55-Jährige McChrystal hatte den Bewohnern der Drogenprovinz Sicherheit, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung versprochen. Doch umgesetzt wurde davon kaum etwas. Erst fehlten die afghanischen Beamten, die zivile Strukturen aufbauen sollten. Und nach dem Tod von sechs USAID-Mitarbeitern im März strich Washington zunächst einmal die Mittel für das Hilfsprogramm zusammen. Die Taliban witterten eine Chance und gruppierten sich neu. Statt aufzubauen musste McChrystal vor allem die eroberten Stellungen halten. In der Konsequenz wurde die Offensive auf Kandahar, dem Kernland der Taliban, mindestens auf September verschoben. Ein Siegeszug sieht anders aus.
Gleichzeitig hat Obama selbst mit der Verkündung des unnötigen Abzugsdatums Juli 2011 McChrystal massiv unter Druck gesetzt. Dem General läuft schlichtweg die Zeit davon. Wie können tatsächlich im Sommer nächsten Jahres die ersten US-Truppen wieder die Heimreise antreten, wenn dann die Lage am Hindukusch genauso unerfreulich sein sollte wie heute? Doch verliert er jetzt noch seinen Kommandeur, dann kann er den Abzugstermin gleich kassieren – oder aber er schwenkt auf Joe Bidens Kurs ein. Denn für eine reine Terrorbekämpfung braucht man keine 100 000 Soldaten.