Sturm auf Falludscha
Ausweg oder Falle

Es gibt für die irakische Regierung, vor allem aber für die USA, mindestens zwei gute Gründe für den Sturm auf Falludscha: Die Stadt ist eine Hochburg des Terrors und die Operationsbasis brutaler Geiselnehmer. Außerdem entzieht sie sich jeglicher staatlichen Kontrolle.

Nur zweieinhalb Monate vor den Parlamentswahlen war dieser Zustand nicht mehr hinzunehmen. Mit einem erneut handlungsfähigen Präsidenten im Weißen Haus, den Notstandsvollmachten in Bagdad und dem Ende des Ramadan hat sich nun das Zeitfenster für die Militäroperation geöffnet.

Der Irak braucht vor allem eine legitime Führung. Und deren Bestimmung wäre hochgradig gefährdet, wenn im Januar zwar gewählt würde, aber wichtige Städte ausgenommen blieben. Dabei ist Falludscha nicht der einzige Ort des Widerstands. Die Situation in Ramadi, Samarra, Bakuba oder Tal Afar ist ähnlich. Faktisch sind diese Gemeinden für die USA wie für die Regierung von Premier Ijad Allawi geschlossen. Doch die Teilnahme dieser bevölkerungsreichen sunnitischen Siedlungsgebiete an den Wahlen ist unverzichtbar. Die Sunniten befürchten ohnehin schon, von den Schiiten majorisiert zu werden. Eine Wahl, von der viele Sunniten faktisch ausgeschlossen wären, würde die Lage verschärfen.

Doch was kommt nach dem Sturm? Die Aufständischen sind trotz ihrer unterschiedlichen Motive gut vernetzt, sie halten zusammen, solange der Hass auf die USA groß genug ist. Wird die Eroberung Falludschas den Widerstand brechen oder nur verlagern? Und: Wie lange kann eine Besatzungstruppe eine arabische Stadt mit 300 000 Einwohnern beherrschen? Die USA brauchen deshalb Partner, mit denen tragfähige Vereinbarungen möglich sind, so wie dies in Nadschaf der Fall war. Dort erlangten die gemäßigten Schiiten die Kontrolle, nachdem Moktadar el-Sadr aufgegeben hatte. Und dort soll im Januar auch gewählt werden.

Der Sturm auf Falludscha also scheint notwendig, soll der Irak nicht unregierbar werden. Doch die USA können in Falludscha, bleibt es bei einer reinen Militäraktion, auch etwas ganz anderes erleben: ein großes Scheitern.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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