Subprime
Die Krise schwappt herüber

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Die Meldungen, die deutschen Banken in diesen Tagen aus Amerika auf den Schreibtisch flattern, tragen meist den gleichen Vermerk: eilig, es brennt. Die Hypothekenkrise weitet sich aus, die Kreditmärkte frieren ein, die Aktienmärkte stürzen ab. Was sich lange Zeit als eine wirtschaftliche Tragödie jenseits des Atlantiks ausnahm, hat spätestens mit dem Fall der IKB die deutsche Psyche erreicht. Wenn schon eine staatlich kontrollierte Mittelstandsbank nicht mehr sicher vor den Stürmen der Wall Street ist, gibt es dann überhaupt noch einen sicheren Hafen?

Nein, den gibt es nicht. Finanzmärkte funktionieren heute wie ein globales Nervensystem. Ein Schock an einem Punkt der Finanzwelt stört den gesamten Organismus. Die IKB ist keineswegs die erste europäische Bank, die ihre „Subprime-Leichen“ ans Tageslicht holt. Zuvor hatten sich bereits die britische HSBC und die Schweizer UBS die Finger verbrannt. Muss man jetzt damit rechnen, dass nach und nach auch andere deutsche Institute von dem Krisenstrudel erfasst werden?

Die Wahrscheinlichkeit, dass etwa die Deutsche Bank oder andere Großbanken mit faulen Hypothekenkrediten aufwarten, ist nach Einschätzung der Experten gering. Die meisten Landesbanken haben sich frühzeitig aus dem privaten Markt für riskante Baudarlehen in den USA verabschiedet. Die Deutsche Bank hat wie andere globale Investmentbanken gelernt, mit den Risiken umzugehen. Hypothekenanleihen werden aufgekauft, verbrieft und an internationale Investoren weitergereicht. In den Bilanzen der Finanzhäuser tauchen die Risiken kaum noch auf. Institutionelle Anleger wie die Allianz weisen zudem auf die gute Bonität ihrer Anlagen hin.

Wirklich beruhigend ist das allerdings nicht. Auch die IKB hatte noch vor kurzem jegliches Risiko aus dem US-Hypothekengeschäft von sich gewiesen. Die Darlehenskrise ist zudem längst nicht mehr auf Kunden mit schlechter Zahlungsmoral begrenzt. Auch im „Prime“-Segment rumort es. Außerdem sind Institute wie die Deutsche Bank als „Prime Broker“ für viele Hedge-Fonds aktiv: Sie versorgen die Fonds mit Krediten, damit die Finanzakrobaten auf Pump spekulieren können. Der Zusammenbruch der beiden Hedge-Fonds von Bear Stearns zeigt, dass hier noch eine Zeitbombe tickt.

Die größte Gefahr droht den deutschen Banken jedoch von der Kettenreaktion, die von der Subprime-Krise ausgelöst wurde. Waren zuerst nur die Hypothekenmärkte betroffen, hat die Krise jetzt auf die Kredit- und Kapitalmärkte übergegriffen. Die Kreditklemme auf dem Markt für Firmenanleihen zwingt viele Finanzinstitute dazu, beträchtliche Risiken bei der Finanzierung von Übernahmen einzugehen. Hält die Risikoflucht der Investoren an, bleiben die Kredite in den Büchern der Banken stehen.

Hier zeigt sich die Kehrseite der modernen Finanzmärkte. Durch Innovationen wie Kreditderivate konnten die Banken die Risiken weit streuen. Sie haben sich deshalb weniger um die Bonität der Kreditnehmer gekümmert, sondern ihr Augenmerk darauf gerichtet, die Gefahren in Anleihepakete zu verpacken und weiterzureichen. Dieses Schwarze-Peter-Spiel ist jedoch für viele Investoren so undurchsichtig geworden, dass sie jetzt überstürzt fliehen und die Banken auf den Risiken sitzen lassen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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