Südafrika
Analyse: Votum der Basis

Die Konflikte innerhalb des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) scheinen eine andere Sprache zu sprechen, doch im Grunde genommen hat sich diese Woche gezeigt: Südafrikas dominierende Kraft ist zu einer modernen Partei geworden.
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Wenn die Mitglieder sich von ihrer Führung im Stich gelassen fühlen, dann wählen sie sich eine neue. Genau dies ist geschehen. Thabo Mbeki musste feststellen, dass die alten Zeiten, da Führer glorifiziert wurden und als unantastbar galten, vorbei sind. Obwohl er eine weitere Amtszeit als Präsident des ANC wollte, verweigerte ihm das die überwältigende Mehrheit des Parteitages. Stattdessen wurde mit Jacob Zuma einer seiner ärgsten persönlichen Rivalen in das höchste Parteiamt gewählt.

Er hat gute Chancen, nach den Wahlen in eineinhalb Jahren auch Mbeki als Präsident Südafrikas zu ersetzen, denn dann kann dieser laut Verfassung nicht noch einmal antreten. Mbeki kann nun auch nicht, wie er es wollte, aus dem Hintergrund weiter die Fäden in der Regierung ziehen. Er ist nicht mehr erwünscht.

Es war vor allem sein Führungsstil, der ihn immer mehr von der Basis des ANC entfremdete. Mbeki hatte sich mit einem engen Kreis von loyalen Ja-Sagern umgeben. Andere Meinungen ließ er nicht gelten. Auf Ratschläge hörte er nicht. Kritiker an seiner Politik wurden gefeuert. Nun bekam er selbst den Laufpass – nachdem er sein ganzes Leben ein eifriger Parteikader war. Statt seiner nun also Jacob Zuma. Er gilt zwar als ein Mann, der auch andere Meinungen gelten lässt und sie in einer konsensfähigen Lösung einbindet. Mit seinen Reden und alten Kampfliedern begeistert er die Massen. Doch ob er ein politischer Führer von Format ist, muss er erst noch zeigen. Bislang machte er mit Korruptionsanschuldigungen, einem chaotischen Finanzgebaren und einem sehr eigentümlichen Sexualverhalten Schlagzeilen.

Aber weil Mbeki ihn 2005 aus dem Amt des Vizepräsidenten jagte, ohne die Parteibasis zu konsultieren, wurde er zum Helden all derer, die mit Mbekis Führungsstil nicht einverstanden waren und sich selbst beiseitegedrängt und unbeachtet fühlen. Wurden sonst im ANC die Nominierungen für die Führungspositionen im kleinen Kreis beschlossen und dann alternativlos zur Abstimmung gebracht, kam es nun erstmals zu einer Kampfabstimmung. Die Stimmenmehrheit bekamen durchweg die Zuma-Leute. Der ANC erlebte damit erstmals, was Südafrika als Staat schon seit 1994 hat: die Auswahl zwischen verschiedenen Kandidaten.

Nun stellt sich die spannende Frage, ob diese Aktivität der Basis erhalten bleibt und was damit erreicht wird. Auf der einen Seite ist es nötig, das unter Mbeki erzielte gute Wirtschaftswachstum fortzusetzen. Auf der anderen Seite will auch die arme Mehrheit stärker daran teilhaben, durch kostenlose Schulbildung, bessere Wohnbedingungen und vor allem Jobs. Somit steht die Zuma-Mannschaft unter Erfolgsdruck. Es werde keinen wirtschaftlichen Kurswechsel geben, versicherte bereits Kgalema Motlanthe, der bisher Generalsekretär war und jetzt zum Vizepräsidenten des ANC gewählt wurde. Aber er und auch der neue Generalsekretär Gwede Mantashe, der zugleich Vorsitzender der Kommunistischen Partei ist, sind alte Gewerkschaftsführer. Deshalb wird ein Linksruck erwartet.

Zuma muss als Erstes den tief gespaltenen ANC wieder einen und reorganisieren. Einige Provinzführungen sind zu Schlachtfeldern um einträgliche Posten verkommen. Zuma selbst kann noch ein weiterer Korruptionsprozess ins Haus stehen, der ihn in seiner Arbeit behindern und, falls schuldig gesprochen, vom ersehnten Staatspräsidentenamt abhalten kann. Das am Dienstag gewählte engere Führungskomitee besteht aus Leuten der alten Garde. Einige von ihnen waren wie Zuma zu Apartheidzeiten im Gefängnis. Große Wirtschaftskenntnisse hat keiner von ihnen. Hingegen sind in den südafrikanischen Unternehmen viele gut gebildete junge Leute.

Sie werden gebraucht, soll der ANC in eine dynamische Partei umgewandelt und sollen die wichtigsten Probleme Südafrikas gelöst werden: die schlechte Schul- und vor allem Berufsausbildung, die noch zu gering entwickelte mittelständische Industrie, die unzureichende internationale Konkurrenzfähigkeit, der Mangel an Jobs, das fehlende Sozialversicherungssystem, die HIV/Aids-Epidemie und auch die viel zu unkritische Haltung gegenüber afrikanischen Despoten wie im Nachbarland Simbabwe. Vor Zumas Mannschaft stehen beträchtliche Aufgaben.

Der Volkstribun hat das Mandat für einen Wandel bekommen. Nun muss er dem gerecht werden. Denn er hat gerade erlebt, dass die ANC-Mitglieder auch etablierte Führer aus ihren Ämtern wieder entfernen können.

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