Südasien
Verschiedene Welten

Südasien entwickelt sich rasch zur ärmsten und ungebildetsten Weltregion.“ Diese deprimierende Prognose stellten die Vereinten Nationen 1997 pünktlich zu den 50. Jahrestagen der Staatsgründungen von Pakistan am 14. August und von Indien am 15. August. Heute, exakt zehn Jahre später, zeigt sich, dass die Experten des Uno-Entwicklungsprogramms damals allzu sehr dem Pessimismus verfallen waren. Auf jeden Fall gilt dies beim Blick nach Indien.
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Denn zum 60. Jahrestag der endgültigen Entlassung aus der britischen Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit präsentiert sich Indien als ein Land, das sich auf dem Weg zur ökonomischen Weltmacht befindet. Der einst träge Elefant hat längst galoppieren gelernt. Mit Blick auf Pakistan stimmt die Analyse der Uno jedoch zumindest partiell. Das Land, heillos verstrickt in den Krieg gegen den islamistischen Terror, steht heute mehr denn je auf einem äußerst fragilen wirtschaftlichen und politischen Fundament. Und die Perspektive lässt kaum Hoffnung keimen.

Der Grund für die derart gegensätzliche Entwicklung der beiden Nachbarn ist überwiegend in unterschiedlichen Startbedingungen zu finden. Indien wählte von Anfang ein demokratisches System nach dem Vorbild der Westminster-Demokratie. Wenn man die Kolonialherren schon nicht lieben wollte, von ihnen lernen wollte man allemal. Die Formel lautete damals und heute Pluralismus. Im Klartext: Indien ist einer der ganz wenigen Staaten der Dritten Welt, denen rechtsstaatliche Strukturen bescheinigt werden müssen. Ein kurzer, knapp zweijähriger Sündenfall Indira Ghandis blieb ohne nachhaltige Wirkung. Dieser Entwicklung muss umso mehr Respekt gezollt werden, als es sich bei Indien um ein extrem heterogenes Land handelt: ethnisch, religiös, sozial. Florierende international operierende Konzerne, geballter Reichtum auf der einen, bittere Armut auf der anderen Seite. Solchen Zwiespalt mit rechtsstaatlichen Instrumenten zu managen erfordert hohe Regierungskunst. Nicht umsonst wird das Amt des indischen Premierministers als das politisch wohl schwierigste auf diesem Globus bezeichnet.

Die Gründerväter der Republik, Mahatma Ghandi und Jawaharlal Nehru, hatten von Anfang an erkannt, dass das Prinzip des Säkularismus in der Verfassung verankert sein muss. Ganz anders in Pakistan: Nachdem die Briten ihr südasiatisches Reich vor dem Abzug praktisch ohne Rücksicht auf ethnische und religiöse Strukturen in zwei Teile gespalten hatten, verstand sich Pakistan als islamischer Staat, als „Land der Reinen“. Die Folge war ein schier endloser Flüchtlingsstrom von beiden Seiten über die neue Grenze, in dessen Verlauf eine knappe Million Menschen ums Leben kam. Zudem: Die britische Politik bescherte den beiden Ländern bis heute bis heute zwei grausame Kriege um die umstrittene Kaschmir-Region, weil die damalige Regierung in London es versäumte, deren Status verbindlich zu klären. Dieses von den Briten hinterlassene Erbe wiegt noch heute schwer. Der Konflikt um Kaschmir ist nach wie vor ungelöst, verschlingt bei beiden Kontrahenten unzählige Rüstungsmilliarden und hat letztlich sogar zur nuklearen Bewaffnung beider Länder geführt.

Allerdings gibt es auch beim Blick auf die Bombe fundamentale Unterschiede: Indien konnte nie vorgeworfen werden, seine nukleare Expertise anderen Staaten zugänglich zu machen. Pakistan konnte demgegenüber in den letzten Jahren ein schwunghafter Handel mit der brisanten Materie nachgewiesen werden. Vor allem: In Indien gilt der Primat der Politik über die Streitkräfte. In Pakistan ist, wie mehrere Militärputsche zeigen, eher das Gegenteil die Regel. Dies ist auch einer der maßgeblichen Gründe dafür, dass die Amerikaner mit Indien ein Atomabkommen vereinbart haben, nicht aber mit Pakistan. Nachdem Indien über Dekaden hinweg enge Beziehungen zur einstigen Sowjetunion gepflegt hat, gilt es heute für die Vereinigten Staaten als verlässlicher sicherheitspolitischer Partner. Sicher, im Kampf gegen Taliban und El Kaida in Afghanistan sind die Amerikaner auch auf Pakistan angewiesen. Aber hier handelt es sich um ein Zweckbündnis, das keineswegs auf Dauer angelegt ist.

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