Tarifpolitik
Auf schiefer Ebene

Der Tarifkompromiss für die 3,4 Millionen Metaller hat mindestens zwei gravierende Fehler: Er hebt die Basis der Arbeitskosten insgesamt zu stark an, und er differenziert nicht nach der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten.

Wenn Vertreter der großen Koalition die „Vier vor dem Komma“ trotzdem als vernünftigen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit loben, nähren sie Zweifel an ihrer arbeitsmarktpolitischen Ernsthaftigkeit.

Die Betriebe können den Folgen einer falschen Tarifpolitik auch ohne offene Konfrontation mit der Gewerkschaft entgehen. Die betriebswirtschaftlichen Reaktionsmöglichkeiten sind so vielfältig, dass es nicht einmal des direkten Austritts aus der Tarifbindung bedarf. Gerade deshalb aber fehlt eine direkte disziplinierende Wirkung, kann die IG Metall das Druckmittel des Arbeitskampfs über Gebühr nutzen, ohne die Streikbereitschaft der Belegschaften jemals ernsthaft auf die Probe stellen zu müssen. Es kommt immer rechtzeitig ein Tarifabschluss zu Stande, der scheinbar alle Beteiligten zufrieden stellt.

Nur sind die Ergebnisse für den Arbeitsmarkt später kontraproduktiv. Dieses Problem der Tariflandschaft kaschiert der Aufschwung, aber nur vorübergehend.

Innerhalb von etwas mehr als einem Jahr steigt das Tariflohnniveau der Branche um 5,8 Prozent. Die ganze Last dieser Hypothek wird erst im nächsten Konjunkturtal spürbar werden. Sie schrumpft nicht dadurch, dass sich das Tarifergebnis auf rund dreieinhalb Prozent je Kalenderjahr umrechnen lässt. Und sie schrumpft nicht dadurch, dass man schwachen Firmen einen viermonatigen Aufschub für das Wirksamwerden der vollen Kostensteigerung in Aussicht stellt. Zum Vergleich: Selbst wenn die Regierung den Arbeitslosenversicherungsbeitrag auf null senkte, wäre damit nur ein Bruchteil der Mehrkosten ausgeglichen.

Zudem zeigt sich ein Problem, das demographiebedingt noch zunehmen wird: Am oberen Ende der Qualifikationsskala herrscht Knappheit, der Wettbewerb um gute Fachkräfte verbessert deren Verdienstchancen von allein. Kritisch wird es aber, wenn die Tarifpolitik darauf reagiert, indem sie das Lohnniveau für alle stärker nach oben zieht. Ebenso wichtig wie Differenzierungen zwischen starken und schwachen Betrieben wären neue Differenzierungen entsprechend der Arbeitsmarktstruktur. Doch das aktuelle Metall-Tarifergebnis lässt auch dazu nicht die Bereitschaft erkennen. Mit 400 Euro pauschaler Einmalzahlung zu Beginn der Laufzeit schlägt es in den unteren Lohngruppen sogar überproportional zu Buche.

Das Strukturproblem des Flächentarifs besteht darin, dass sich die Betriebe solchen Belastungen meist schleichend entziehen, ohne dass ein Zusammenhang mit einem konkreten Tarifabschluss erkennbar wird: Bereiche mit einfachen Tätigkeiten werden schrittweise ausgegliedert, über Zeitarbeit abgedeckt, automatisiert oder ins Ausland verlagert. Und jede dieser Reaktionen senkt die durchschnittliche Lohnkostenquote in der Branche. Das wiederum bestärkt die IG Metall in ihrer Argumentation, kräftige Lohnerhöhungen seien „locker verkraftbar“.

Leider ist der direkte Ausstieg aus der Tarifbindung für die Betriebe nur selten eine attraktive Option. Als Strafe droht dann erst recht die Konfrontation mit einer streikbereiten IG Metall. Und auch sonst ist das Tarif- und Arbeitsrecht nicht dazu angetan, ein Wirtschaften jenseits des Flächentarifs zu erleichtern. Doch genau das würde dazu führen, dass sich der Flächentarif im Wettbewerb mit anderen, dezentralen Arten der Lohnfindung behaupten müsste.

Und so paradox es klingt: Ein solcher offenerer Wettbewerb der Lohnfindungsmodelle – dezentral versus zentral – würde den Flächentarif am Ende gerade wegen der größeren disziplinierenden Wirkung auf die Tarifparteien sogar stärken. Eine Regierung, die nicht nur ständig arbeitsmarktpolitische Schäden reparieren will, sollte daher vor allem unter diesem Gesichtspunkt einmal das Streik- und Arbeitsrecht prüfen.

Zwar lässt sich nicht leugnen, dass auch die Tarifparteien selbst auf die kritische Entwicklung reagieren. Abweichungsklauseln haben mittlerweile eine wichtige Reparaturfunktion. Der Unterschied ist nur: Solche Klauseln können zwar Betriebe nachträglich vor Überforderung durch Lohnabschlüsse schützen. Besser wäre aber eine Tarifpolitik, die von vornherein den Arbeitsmarkt vor Überforderung schützt.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%