Tarifpolitik
Eine Warnung

Die Politik der großen Koalition zeigt Wirkung: Sie hat die Gewerkschaften ermuntert, in der Tarifrunde 2007 kräftig zuzulangen. Und die setzen das nun ebenso dankbar wie kurzsichtig um. Nach mehreren Jahren moderater, beschäftigungsfreundlicher Lohnabschlüsse scheint die Tarifpolitik von der Mission beseelt, eine vage gefühlte Gerechtigkeitslücke in der Gesellschaft zu bekämpfen – ganz gleich, ob diese tatsächlich besteht und was dagegen zu tun objektiv sinnvoll wäre. Mit einer dauerhaft wirksamen Lohnerhöhung von 3,1 Prozent haben sich die Tarifparteien der Bauwirtschaft am Wochenende auf einen Kompromiss verständigt, der höher liegt als der Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie im Jahr des Exportaufschwungs 2006.

Bei aller Genugtuung darüber, dass die Baukonjunktur nach zehn Flautejahren derzeit wieder besser läuft: Allein der Vergleich mit Metall zeigt überdeutlich, wie sich das Klima verändert hat. Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass auch die Bauarbeitgeber ein Ergebnis für „vertretbar“ erklären, das weder von beschäftigungs- noch tarifpolitischer Verantwortung zeugt. Natürlich lassen sich dafür – ähnlich wie beim Chemie-Abschluss Anfang März – auch branchenspezifische Erklärungen finden. Im aktuellen Fall zählt dazu eine selbst für die Arbeitgeberseite Besorgnis erregende Strukturkrise der Gewerkschaft IG Bau.

Auf Dauer lassen sich aber weder Flächentarife noch die zuständigen Organisationen stabilisieren, indem man Lohnpolitik gegen ökonomische Gesetzmäßigkeiten macht. Doch auch das passt ins Gesamtbild einer Koalition, die Gerechtigkeit durch Mindestlöhne verheißt. Ausgerechnet am Bau gibt es diese übrigens seit Jahren. Wenn schon nicht ökonomische Vernunft vorherrscht, dann sollte das Beispiel dieser Branche der Koalition eine Warnung sein.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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