Tarifrunde
Die Mängel der IG Metall

Der Vorstand der IG Metall hat es heute in der Hand: Er kann sich für die bevorstehende Tarifrunde auf eine reine Lohnforderung nach konventionellen Maßstäben festlegen – und damit auf eine Strategie, die den Ansehensverlust der Gewerkschaft mutmaßlich beschleunigen wird.

Der Vorstand der IG Metall hat es heute in der Hand: Er kann sich für die bevorstehende Tarifrunde auf eine reine Lohnforderung nach konventionellen Maßstäben festlegen – und damit auf eine Strategie, die den Ansehensverlust der Gewerkschaft mutmaßlich beschleunigen wird. Er könnte aber auch ein Signal geben, dass die größte deutsche Industriegewerkschaft bereit ist, den Flächentarifvertrag zukunftsfest zu machen – durch neue Gestaltungsoptionen, über die in den Betrieben entschieden werden kann.

Ein solches Signal wäre politisch hochinteressant. Immerhin soll sich im Berliner Reformpoker alsbald das Schicksal einer Initiative der CDU/CSU zu Gunsten gesetzlicher Tariföffnungsklauseln entscheiden. Und man darf annehmen, dass die IG Metall damit manchen Befürworter der Initiative in Erklärungsnot bringen würde. Aber das ist Theorie. Natürlich wird sie sich weigern, über Arbeitszeitkorridore und dergleichen mit den Arbeitgebern auch nur zu reden. Dabei hätte die IG Metall bereits taktisch gute Gründe, die im Dezember beginnende Tarifrunde nicht auf Lohnfragen zu reduzieren. Denn damit zwingt sie sich selbst in ein Dilemma: Entweder sie schließt am Ende einen ökonomisch halbwegs tragbaren Kompromiss, um den Flächentarif nicht noch weiter zu beschädigen. Das aber würde für ihre Klientel faktisch eine Nullrunde bedeuten. Oder sie riskiert – kurz nach dem Streikdesaster im Osten – erneut einen Arbeitskampf für ein der Öffentlichkeit kaum zu vermittelndes Ziel.

Mit einem Angebot, den Flächentarifvertrag in seiner Struktur zu erneuern, würde die IG Metall dagegen ihre Verhandlungsposition klar verbessern. Ein eigener Vorschlag, Belegschaften und Betrieben klar definierte Entscheidungsfreiheiten zum Beispiel bei der Arbeitszeit einzuräumen, könnte sie aus ihrem lohnpolitischen Dilemma befreien.

Theorie, gewiss. Doch auf Dauer wird auch die IG Metall erkennen müssen, was der SPD bereits dämmert: Ein akuter Mangel an Verteilungsmasse kann nicht das Ende jeglichen politischen Gestaltungsanspruchs sein. Ob in der Sozial- oder der Tarifpolitik: Ein solcher Mangel zeigt nur, dass es allerhöchste Zeit ist für Strukturreformen statt weiterer Verteilungskämpfe. Wer dies ignoriert, verliert seinen Anspruch, das Gemeinwesen mitzugestalten. Wie gesagt: Der IG-Metall-Vorstand hat es heute in der Hand. Nutzt er die Chance?

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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