Telekom
Courage statt Populismus

Armer Telekom-Chef! Auf seiner ersten Hauptversammlung wurde René Obermann ausgelacht, ausgebuht und ausgepfiffen. Die Fronten zwischen der Konzernführung und der Gewerkschaft sind verhärtet. Deshalb hatte sich der Telekom-Chef einen Trick für seine Rede einfallen. Er kündigte auf der emotional aufgeladenen Aktionärversammlung an, dass alle Vorstandsmitglieder ein Monatsgehalt weniger bekommen würden. Obermann geht sogar mit gutem Beispiel voran: Der frühere T-Mobile-Chef verzichtet sogar auf zwei Monatsgehälter. Das sind rund 200 000 Euro. Doch der Populismus hilft nicht. Denn für derartige Gesten ist die Zeit längst abgelaufen. Im Gegenteil, durch diese volkstümliche Anbiederung bei Verdi erweist sich Obermann einen Bärendienst. Denn bei diesem Interessenkonflikt kann eine Solidarität zwischen Konzernlenker und Servicemitarbeitern nicht funktionieren. Dazu sind die Gräben zwischen der Telekom-Führung und den Arbeitsnehmervertretern viel zu groß. Verdi will mit allen Mittel die Ausgründung von 50 000 Mitarbeitern in neue Servicegesellschaften verhindern. Dazu gehört auch ein Streik, der offenbar unvermeidlich ist. Statt Populismus braucht Obermann mehr Härte. Das Ziel der Telekom, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, kann nur erreicht werden, wenn der Konzernumbau schnell durchgezogen wird. Die Auslagerung von Arbeitsplätzen zu schlechteren Löhnen ist für die Beschäftigten bitter, aber für den Konzern unausweichlich. Obermann sollte mutiger und offensiver voranschreiten. Auf den Zuspruch der Mehrheit der Anteilseigner kann er zählen. Denn sie wissen, unter den großen Telekom-Konzernen in Europa ist die Deutsche Telekom in der Kursentwicklung das Schlusslicht. Wenn sich das ändern soll, braucht Obermann mehr Courage. Dazu gehört auch, mit der Drohung, notfalls Serviceteile zu verkaufen, Ernst zu machen. Die Pfiffe und Schmährufe der Belegschaftsaktionäre sind offenbar unvermeidlich. Denn das Tischtuch ist zerschnitten. Der Ton und vor allem die Gangart der Gewerkschaften wird sich noch verschärfen. Es wird ein heißer Sommer für die Telekom.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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