Telekom
Neue Netzwelten

Die Deutsche Telekom sucht derzeit die Auseinandersetzung mit der Politik. In Berlin und in Brüssel drängt der Konzern mit Nachdruck auf verbindliche Zusagen dafür, dass das geplante Hochgeschwindigkeitsnetz (VDSL) nicht reguliert wird.

DÜSSELDORF. Tatsächlich geht es dem einstigen Monopolisten aber nicht nur um seine geplanten Investitionen, sondern um viel mehr: Die Telekom will die engen Fesseln der Regulierung ihres Festnetzes sprengen. Unternehmenschef Kai-Uwe Ricke will ebenso wie die meisten anderen Branchen allein nach dem Wettbewerbsrecht beaufsichtigt werden.

Das würde bedeuten, die Marktaufsicht schreitet erst dann ein, wenn ein Unternehmen seine marktbeherrschende Stellung missbraucht. Derzeit ist es dagegen so, dass die Telekom vorab reguliert wird, um ihre Marktmacht so zu reduzieren. Das Unternehmen muss alle Informationen bereitstellen, damit der Regulierer die Preise festlegen kann, zu denen die Telekom ihr Festnetz an Wettbewerber vermietet.

Um sich von diesen Zwängen zu befreien, ist die Debatte über das neue Supernetz ein willkommenes Vehikel. Schließlich kann Ricke da die angekündigten Investitionen von drei Mrd. Euro und 5 000 Jobs in die Waagschale werfen. Dabei ist diese Investitionssumme für Telekom-Verhältnisse nicht bahnbrechend. Die drei Milliarden verteilen sich auf drei Jahre. Die Telekom investiert ohnedies jährlich gut zwei Mrd. Euro in die Bereiche Breitband und Festnetz – das Gros davon in die Netztechnik. Das neue Netz, an dem so viele Hoffnungen hängen, wäre damit gerade mal halb so teuer wie die laufenden jährlichen Investitionen. Die Politik sollte sich deshalb nicht von der vermeintlich hohen Summe blenden lassen.

Aber auch ohne die Macht der großen Zahlen hat die Telekom bei VDSL gute Argumente auf ihrer Seite: Sie verlangt für eine Innovation, die immer mit dem Risiko des Scheiterns am Markt verbunden ist, angemessene Renditechancen. Müsste sie das Netz Wettbewerbern zu vorgegebenen Preisen zur Verfügung stellen, wären diese Chancen wesentlich geringer.

VDSL ist 25- bis 50-mal schneller als herkömmliche DSL-Verbindungen und ermöglicht neben Telefonie und Internet die Übertragung von Fernsehprogrammen und Anwendungen, die heute noch nicht marktreif sind. Dazu gehören Videokonferenzen in dreidimensionaler Qualität, für die man nicht mehr die schicken Plastikbrillen aufsetzen muss.

Der geplante Datenturbo eröffnet der Telekom bitter nötige Wachstumschancen. Hintergrund ist ein deutlicher Umsatzrückgang im Festnetz. Es verliert durch die aufkommende Internet-Telefonie und den Vormarsch des Mobilfunks immer weiter an Bedeutung. Neue Einnahmequellen müssen erschlossen werden, und eine potente Infrastruktur gilt als Voraussetzung dafür. Ricke zeichnet gern das Bild von der Branche im Umbruch. „In einigen Jahren wird die Telekommunikationsbranche nur noch wenig mit dem zu tun haben, was sie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ausgemacht hat. Wer hier den Absprung verpasst, der könnte schon in absehbarer Zeit vor dem unternehmerischen Abgrund stehen“, sagte er in der vergangenen Woche in Berlin.

Damit verrät der Telekom-Chef vor allem eines: An den neuen Diensten führt für ihn kein Weg vorbei. Und damit auch nicht an dem neuen Netz – Regulierung hin oder her. In den ersten zehn der insgesamt 50 geplanten Städte haben die Bauarbeiten bereits begonnen. 500 Mio. Euro hat Ricke dafür bewilligt. Hier soll das Turbonetz pünktlich zu Beginn der Fußball-WM an den Start gehen. Die Planungen für die übrigen 40 Städte laufen ebenfalls weiter.

Die Telekom hat ihre PR-Maschine angeworfen, um auch in anderen Ländern Stimmung gegen die Regulierung der ehemals von Staatsunternehmen dominierten Telekommunikationsbranche zu machen. Überall in Europa verlieren die ehemaligen Monopolisten rasant Marktanteile, und überall denken sie über Investitionen in neue Netze nach. Da fällt es nicht allzu schwer, Verbündete für einen gemeinsamen Vorstoß in Brüssel zu finden. Dort läuft gerade eine Prüfung des EU-Rechtsrahmens für die Branche. Umgesetzt wird das überarbeitete Recht allerdings frühestens 2009. Bis dahin hat das Team um Ricke das neue Netz vermutlich längst gebaut – oder den Kampf um die Festnetzkunden längst verloren.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid
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