Telekom
Obermanns Problem

Die Deutsche Telekom ringt mit Verdi um einen Kompromiss bei der geplanten Auslagerung von 50 000 Service-Kräften in neu zu gründende Gesellschaften. Die Mitarbeiter sollen dort für weniger Geld länger arbeiten. Doch die Gespräche mit der Gewerkschaft verlaufen bislang ergebnislos. Die ganze Situation wird langsam gefährlich für den Konzern. Eine Analyse.

Verdi rüstet sich für einen Arbeitskampf und hat am Mittwoch bereits 1 000 Mitarbeiter in Berlin und Niedersachsen zu Warnstreiks aufgerufen. Am heutigen Donnerstag setzen die Parteien ihre Verhandlungen fort.

Die Personalfrage ist das drängendste Problem des neuen Telekom-Chefs René Obermann. Dem Konzern laufen die Festnetzkunden in Scharen davon. Um sie zu halten, will Obermann die Telekom zum besten Service-Unternehmen der Branche umbauen. Ihre Dienstleistungen müsse die Telekom aber zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten, betont Obermann. Derzeit zahlen die Bonner zum Teil mehr als doppelt so hohe Löhne wie die Konkurrenz.

Die Auseinandersetzung hat eine Dimension, die über die Deutsche Telekom hinausgeht: Selten zuvor hat ein Dax-Konzern eine effektive Gehaltssenkung für seine Mitarbeiter durchgesetzt. Verdi gibt sich besonders hartleibig, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Die Gewerkschaft fürchtet zudem, dass die geplante Ausgliederung nur der erste Schritt zum Verkauf der neuen Service-Einheiten ist. Andere Telekomkonzerne wie die niederländische KPN haben das bereits vorgemacht. Dabei kann Verdi die Ausgliederung an sich gar nicht stoppen – die hat der Aufsichtsrat Ende Februar beschlossen. Gestritten wird um die Arbeitsbedingungen. Die Gefahr ist groß, dass die Verhandlungen scheitern.

Ohne eine Einigung sind zwei Szenarien denkbar: Im ersten lässt die Telekom die Service-Mitarbeiter der T-Com zu den Bedingungen anderer Unternehmensteile arbeiten. So gelten für die Call-Center-Angestellten der jüngeren Mobilfunktochter T-Mobile bereits die Konditionen, die Obermann auch für T-Com einführen möchte. Dazu zählt eine 38- statt 34-Stunden-Woche, ein geringeres Grundgehalt, das nur 70 Prozent der Vergütung ausmacht, sowie ein variabler Anteil für die restlichen 30 Prozent. Die technischen Service-Kräfte könnte die Telekom mit einer Einheit der konzerneigenen Beschäftigungsagentur Vivento zusammenlegen. Die Mitarbeiter dort erhalten schon heute nur 92 Prozent ihres ehemaligen T-Com-Gehalts.

Diese Lösung würde der Telekom zwar helfen zu sparen, ist für das Unternehmen aber trotzdem nicht befriedigend. Der Konzern braucht den Frieden in den eigenen Reihen – und der lässt sich schwerlich ohne eine Einigung mit der Gewerkschaft sichern. Die Beschäftigten – sehr viele von ihnen Verdi-Mitglieder – sind zutiefst verunsichert und machen ihrer Wut seit Monaten in erbosten E-Mails an den Vorstand Luft. Mit einer solchen Stimmung kann die Telekom kaum zur Nummer eins im Kundendienst werden.

Im zweiten Szenario nehmen die neuen Einheiten ohne neuen Tarifvertrag ihre Arbeit auf. Die Beschäftigten würden ein Jahr lang zu den bestehenden Konditionen arbeiten. Danach müsste neu verhandelt werden. Der Vorteil für die Telekom: Ende 2008 läuft ein Beschäftigungspakt aus, der vor betriebsbedingten Kündigungen schützt. Die Telekom könnte Verdi dann damit drohen, alle Service-Kräfte zu entlassen und die Aufgabe an externe Dritte zu übertragen.

Aber auch diese Variante ist keine Lösung, mit der Obermann zufrieden sein könnte:Er kann sich einen Aufschub des Personal-Problems nicht leisten. Seine Investoren sind ungeduldig und fordern Lösungen statt Versprechen. Zudem sind 40 Prozent der betroffenen Mitarbeiter Beamte, denen der Ex-Monopolist ohnehin nicht kündigen kann. Und Entlassungen sind bei einem Unternehmen mit dem Bund als größtem Aktionär auch ein Politikum. Die wahrscheinlichste Lösung ist deshalb, dass die Parteien trotz des Säbelrasselns einen Kompromiss finden. Die Telekom hat bereits angedeutet, dass sie bereit ist, den Kündigungsschutz zu verlängern, wenn Verdi Abstriche bei den Konditionen in Kauf nimmt. Je länger die Mitarbeiter in den neuen Service-Einheiten arbeiten, desto weniger will ihnen die Telekom vom Gehalt wegnehmen.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%