Telekomausrüster
Netzwerk 2.0

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Es klingt nach Managementfehlern. Da boomt das Internet, verlangen immer neue Angebote hungrig nach Bandbreite und leistungsfähigen Datenleitungen. Doch der Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent schlittert von einem Katastrophen-Quartal ins nächste, hat sich tief in der Krise verfangen.

Es sind wohl auch Fehler des Top-Managements, die den IT-Riesen so ins Straucheln gebracht haben. Doch das ist nur die Hälfte der Wahrheit, wahrscheinlich sogar noch weniger. Den weitaus größeren Anteil an der Krise hat eine Entwicklung, die jenseits des Unternehmens stattfindet. Alcatel-Lucent ist ein Beispiel für den Umbruch der gesamten Branche. Ob Ericsson, Juniper oder Nokia-Siemens, allen stehen schwere Zeiten bevor.

Natürlich ist es richtig: Das Internet wächst rasant, die mobile Kommunikation ebenso. 2,5 Milliarden Kunden nutzen nach aktuellen Erhebungen derzeit weltweit ein Handy. Bis zum Jahr 2015 wird sich diese Zahl verdoppelt haben. Doch ging ein solches Wachstum in früheren Jahren einher mit fast identischen Investitionen in neue Netzkapazitäten, hat sich das radikal gewandelt. Da ist zunächst die Konsolidierung auf dem weltweiten Mobilfunkmarkt. Große Anbieter wie Vodafone sind auf Einkaufstour, übernehmen Rivalen in Italien oder Spanien. Die unmittelbare Folge: Investitionen in den Aufbau neuer Netzkapazitäten werden sofort gestoppt. Schließlich ist die gemeinsame Netznutzung eines der am schnellsten zu hebenden Synergiepotenziale.

Gleichzeitig stehen die Mobilfunkbetreiber selbst unter einem erheblichen Preisdruck. Es geht um Marktanteile und neue Kunden. Die gewinnt man wie fast überall über eine aggressive Preisstrategie. Gleichzeitig wollen die Mobilfunker ihre Marge auf dem gewohnt üppigen Niveau von 40 Prozent halten. Eine Lösung des Problems: Network-Sharing, die gemeinsame Nutzung von existierenden Netzen durch Firmen, die Rivalen sind. Immer häufiger finden sich derartige Ansätze, die zwar den Betreibern Investitionen ersparen, den Ausrüstern aber Aufträge kosten.

Eine andere Idee ist das Outsourcing. Immer mehr Betreiber lagern ihre Netze an externe Dienstleister aus. Das ist zwar für die Ausrüster ein interessantes neues Geschäftsfeld. So ist Ericsson mit sogenannten „Managed Services“ in den zurückliegenden zwölf Monaten um 50 Prozent gewachsen. Doch hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz: Für die Ausrüster lohnt sich das Outsourcing-Geschäft nur dann, wenn sie die Netze optimal ausnutzen, also mehrere Anbieter über ein Netz laufen lassen. Dem Verkauf von Netzwerkkomponenten hilft das nicht auf die Sprünge.

Zu diesen sattsam bekannten Baustellen gesellt sich in den kommenden Jahren eine weitere, deren Ausmaß derzeit nur schwer abzuschätzen ist. Dank moderner Technologien verlagert sich die Intelligenz der Netze zunehmend weg von der Hardware hinein in die Software. Die firmeninternen Netze liefern hier den Vorgeschmack. Statt separater Strukturen für Telefon, Fax und Computer wird künftig alles nur noch über eine Infrastruktur laufen, gesteuert von einer entsprechenden Software. Das soll nicht nur die Produktivität erhöhen, sondern auch Kosten sparen.

Eine ähnliche Entwicklung werden wir auch jenseits der firmeninternen Netzwerke erleben. Experten reden längst vom Netz der nächsten Generation, das nicht mehr nur einem einzigen Zweck dient, sondern zahlreiche Dienste erlaubt. Für die Ausrüster bedeutet dies: Sie müssen radikal umdenken. Bisher reagierten viele der Anbieter nach klassischem Muster. Als nach starkem Wachstum in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die Geschäfte ab 2000 mächtig einbrachen, kappten sie ihre Kapazitäten, jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Der stark schwindenden Nachfrage, den wachsenden Überkapazitäten und dem mächtigen Preiskampf folgten Personalabbau, Fabrikschließungen und häufig gekürzte Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Doch gerade Letzteres ist ein fataler Fehler. Statt reflexartiger Streichorgien sollten die Ausrüster ihren Kunden, den Netzbetreibern, über die Schulter schauen. Die kümmern sich immer weniger um das einstige Kerngeschäft Netzbetrieb, sondern versuchen sich in neuen Ideen und Diensten.

Eine Kopie dessen könnte sich für die Ausrüster lohnen. Das beweist Cisco. Als der US-Netzwerkspezialist vor Jahren ins Straucheln geriet, kappte zwar auch er massiv Stellen. Doch gleichzeitig investierte das Management in neue Geschäftsfelder, etwa Telekonferenzen oder Social-Networking-Dienste. Heute ist Cisco wieder so stark wie zu den besten Zeiten der New Economy.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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