Terror in Deutschland
Kommentar: Täter aus unserer Mitte

  • 0

Zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Monaten haben deutsche Sicherheitskräfte einen verheerenden Terroranschlag verhindern können. Das zeigt, dass sich die deutschen Sicherheitskräfte und ihre Partner auf die neue Bedrohung eingestellt haben. Allerdings belegt die Vorbereitung des Anschlags auch, wie präsent die Gefahr durch islamistische Terroristen auch sechs Jahre nach dem 11. September 2001 noch ist.

Möglich wurde der Fahndungserfolg durch eine sehr enge Zusammenarbeit sowohl in- wie ausländischer Sicherheitsbehörden. Ohne die Kooperation mit amerikanischen, aber auch türkischen und pakistanischen Diensten wäre es nicht gelungen, die Terrorzelle auszuschalten.

Fast automatisch führt dies zur Frage, was sich seit dem 11. September verändert hat. Ist unser Leben sicherer geworden? Haben die westlichen Staaten mit ihrer Antwort auf das damalige Blutbad in New York und Washington die Terrorgefahr einhegen können oder am Ende sogar noch gesteigert?

Die Bilanz des Antiterrorkampfes ist sehr durchwachsen. Auf der Habenseite steht der Sturz der Taliban in Afghanistan. Trotz noch ungelöster Probleme hat Afghanistan als Aufmarsch- und Trainingsgebiet für weltweit agierende Terroristen ausgedient. Westliche Demokratien haben seit dem 11. September zudem ihren Sicherheitsdiensten Rechte eingeräumt, die eine erfolgreiche Bekämpfung überhaupt erst ermöglichen – auch im jetzigen Fall.

Allerdings sind zugleich neue Probleme geschaffen worden. Die fehlgeschlagene Befriedung des Iraks hat der Terrororganisation El Kaida eine neue Basis und neuen Zulauf beschert. Zudem haben gerade die USA durch Exzesse wie in Guantanamo im Antiterrorkampf an Glaubwürdigkeit verloren. Mittlerweile, das zeigen die Festgenommenen, ist der Hass auf den Westen und unseren Lebensstil sogar auf hier Geborene übergeschwappt, die sich zu „heiligen Kriegern“ radikalisieren. Der Terrorist kommt aus unserer Mitte.

Vor allem Deutschland nehmen islamistische Terroristen heute mehr ins Visier als 2001. Der Grund ist die Erkenntnis der Politik, dass es im weltweiten Antiterrorkampf keine neutrale Position geben kann. Deshalb ist die Bundesrepublik in Afghanistan selbst zum wichtigen Akteur geworden. Deshalb arbeiten deutsche Sicherheitsbehörden endlich daran, dass die Bundesrepublik nicht mehr als sicherer Rückzugsraum für Terroristen dienen kann. Dass Deutsche dadurch weltweit eher zum Ziel von Attentätern werden, ist der unabwendbare Preis dafür.

Die Nachricht über die Anschlagsplanung ist deshalb bestürzend, aber nicht überraschend. Akute Terrorangst ist dem Bewusstsein permanenter Bedrohung gewichen, die rational eingeordnet wird. Das zeigen Umfragen, in denen die Gefahr durch islamistische Terroristen hinter der Klimakatastrophe oder sogar dem Aufstieg Chinas rangieren. Wie gelassen die Deutschen auf einen gelungenen Anschlag reagieren würden, ist glücklicherweise offen. Aber wenn es angesichts der menschenverachtenden Planungen überhaupt eine Genugtuung geben kann, dann diese: Die Demokratie erweist sich als so stabil und wehrhaft, dass sie mit ihnen umgehen kann, ohne ihre Grundsätze aufzugeben.

Kommentare zu " Terror in Deutschland: Kommentar: Täter aus unserer Mitte"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%