„Terror ohne Pause“
Spuren des Schreckens

Meinem ersten Arbeitstag als Botschafter in Tel Aviv am 1. September 2000 folgte vier Wochen später der Beginn der zweiten Intifada. Der Ablauf der schrecklichen Ereignisse zeitigte in Israel traumatische Folgen. Ende September 2004 veröffentlichte Israels Presse eine "Intifada-Bilanz" des Sicherheitsdienstes Shabak mit dem Titel "Vier Jahre Terror ohne Pause".

Schreibt man diese Bilanz bis September dieses Jahres fort, wurden mehr als 1 100 israelische Staatsbürger getötet, vom Kleinkind bis zum Greis. Die Zahl der Verletzten, viele mit irreparablen Schäden, liegt bei mehr als 6 500.

Israel erlebte jahrelang durchschnittlich alle zehn Tage ein Selbstmordattentat und täglich zehn andere Anschläge. Dass dieser Schrecken in einer Gesellschaft Spuren hinterlässt, ist zwingend. Wie würde in Deutschland reagiert, wenn sich das tragische Ereignis von Erfurt im Jahr 2002 - der Amoklauf eines Jugendlichen, der 16 Menschen das Leben kostete - sich alle zehn Tage wiederholen würde? Bliebe die Bevölkerung gelassen? In welcher Verfassung wäre unser Land, wenn im Rahmen unserer Bevölkerungsrelation in sechs Jahren über 12 000 Tote und annähernd 75 000 Verletzte zu beklagen wären? Die bei uns in Europa geführten Diskussionen über den Nahost-Konflikt provozieren geradezu eine Gegenthese: Terror aus vier Flugstunden Entfernung zu kommentieren ist etwas grundlegend anderes, als Terror zu erleben!

Angesichts der israelischen Realität, nach der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen dem Libanon und Israel im Sommer, fällt es schwer, sich der politischen Vernunft zuzuwenden. Aber es gibt keine Alternative. Auch dann nicht, wenn die in der palästinensischen Autonomie regierende Terrorgruppe Hamas den Weg der Vernunft bis heute nicht beschreiten will.

Israel muss die Option der Vernunft wählen, will sich der jüdische Staat nicht selbst in Frage stellen. Denn die demographische Entwicklung bewirkt, dass Israels heutige Bevölkerung in etwa zwanzig Jahren zur Minderheit würde, sollte sich am aktuellen Zustand nichts ändern.

Auf den Status quo zu setzen bedeutet wahrscheinlich, die Fortsetzung der zweiten Intifada hinzunehmen oder gar die Gefahr einer noch gewalttätigeren dritten Intifada in Form eines Flächenbrandes zu ignorieren. Es würde auch bedeuten, neben einem Pulverfass ein demokratisches Staatswesen aufrechterhalten zu müssen. Es würde bedeuten, Tausende junger Israelis zum Schutz eigener Bürger, der Siedler, als Soldaten in besetzte Gebiete zu beordern. Es würde bedeuten, den eigenen Bürgern Milliarden an Steuergeldern abzuverlangen, um die Besetzung finanzieren zu können.

Darüber hinaus müsste Israel der Staatengemeinschaft, auch den USA als wichtigstem Verbündeten, erklären, dass ein Staat Palästina nicht mehr akzeptiert würde. Es darf davon ausgegangen werden, dass für eine solche Option in Israel keine demokratische Mehrheit zu finden ist.

Genauso unrealistisch wäre die Überlegung, die Besetzung zu beenden und die palästinensische Autonomie zu Israels Staatsgebiet zu erklären. Losgelöst von der Tatsache, dass darüber mit der Staatengemeinschaft nicht zu reden sein wird, für Israel bliebe der demographische Faktor. In rund zwanzig Jahren würde eine nichtjüdische Bevölkerungsmehrheit das Land zwangsläufig so verändern, dass der demokratische "jüdische Staat Israel" zur Disposition stehen könnte. Das gesamte Parteienspektrum in Israels Parlament hat auf Grund dieser Perspektive das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge bisher immer verneint.

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