Thailand
Kleiner Taifun

Wehret den Anfängen, mag sich die thailändische Zentralbankchefin Tarisa Watanagase gedacht haben, als sie zu Wochenbeginn strikte Kapitalkontrollen verhängte.

Nach den neuen Regeln müssen ausländische Investoren, die in Thailand Kapital anlegen, 30 Prozent der Summe bei der Bank von Thailand als Sicherheit hinterlegen. Damit können nur 70 Prozent investiert werden. Wollen die Investoren die Summe nach weniger als einem Jahr wieder abziehen, drohen Strafzinsen in Höhe von 33 Prozent. Allerdings hat die Bank schnell Angst vor der eigenen Courage bekommen. Nach dem heftigen Kurseinbruch lockerte sie die Regeln flugs wieder. An Bangkoks Börse war es zu regelrechten Panikverkäufen gekommen. Auch die übrigen Märkte der Region blieben nicht verschont. Was die Händler in Bangkok schwer verunsicherte, könnte sich jedoch als weitsichtiger Schachzug entpuppen. Die Bank of Thailand hat offensichtlich eine kritische Entwicklung im Keim zu ersticken versucht, damit eine Neuauflage der Asienkrise wie 1997 gar nicht erst entstehen kann.

Damals wie heute floss spekulatives kurzfristiges Kapital nach Südostasien. Vor zehn Jahren war Thailand das Epizentrum einer finanzwirtschaftlichen Eruption, die ihre Schockwellen bis nach Südkorea und Indonesien aussandte. An den Folgen der Asienkrise, die einen erheblichen Vertrauensverlust für die Manager und Märkte der Region zur Folge hatte, laborieren heute aber nur noch wenige Länder. Denn die Währungskrise löste bei Banken und Unternehmen in Asien tief greifende Strukturreformen aus. Daher ist die Situation von damals mit der heutigen kaum zu vergleichen.

Im Unterschied zu 1997, als die Regierung den Baht von seiner Kopplung an den Dollar löste und damit den Startschuss zur großen Währungskrise gab, präsentiert sich Asiens Finanz- und Unternehmenswelt heute wesentlich stabiler. Die Krise 1997 wurde im Kern durch unternehmerische Fehlentscheidungen ausgelöst. Zu viel Kapital wurde in unproduktive Immobilienmärkte geleitet, die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft blieb zusehends hinter den Anforderungen zurück, die von der strikten Bindung an den US-Dollar ausgingen. Zugleich war das Banken- und Finanzsystem zu schwach, um die Spekulanten aufzuhalten.

Gewiss, erneute Kapitalkontrollen zehn Jahre nach der Liberalisierung der thailändischen Währung sind nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme. Aber angesichts der Erfahrungen mit der zerstörerischen Macht von Währungsspekulanten lohnt sich eine Güterabwägung. Diese hat Frau Tarisa getroffen. Wie Analysten in Singapur meinen, blieb ihr auch keine andere Wahl, um die thailändische Wirtschaft nicht in neue Gefahren trudeln zu lassen. Schon seit Jahren wächst Thailands Wirtschaft unterdurchschnittlich. Die Ursachen dafür liegen weitgehend in der Wirtschaftspolitik des entmachteten ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin, der im Herbst von einer Militärjunta aus seinem Amt vertrieben wurde.

Internationale Investoren betrachten die Wirtschaftspolitik der Militärregierung offensichtlich mit Wohlwollen. Denn wie ist es anders zu erklären, dass von Fonds immer neues Kapital nach Thailand gepumpt wird? Etliche Investoren setzten auf eine Aufwertung des Bahts – und sie hatten Recht. Frisches Kapital trieb die Thai-Währung zu immer neuen Höhenflügen. Die Zentralbank hat dieser Spekulation nun einen Riegel vorgeschoben. Was ausländischen Fondsmanagern und Börsenbrokern das Blut in den Adern gefrieren lässt, stößt bei den Exporteuren in Thailand auf große Zustimmung. Denn sie mussten für das kommende Jahr einen erheblichen Einbruch ihrer Exporte befürchten. Die Prognosen für 2007 gingen bereits von einem Rückgang um fast 30 Prozent gegenüber diesem Jahr aus. Das hätte die exportabhängige thailändische Wirtschaft erneut in größere Kalamitäten gestürzt.

Bleibt es nun bei einem Taifun im thailändischen Wasserglas? Noch ist offen, ob die Thai-Krise Kreise zieht, ob Märkte in den Schwellenländern mit einer Phase der Ungewissheit leben müssen.Weil etliche Emerging Markets als überbewertet gelten, ist es durchaus möglich, dass Fondsmanager nun mit größeren Umschichtungen in vermeintlich sichere Märkte beginnen. Aber die Fundamentaldaten in Asien sprechen eher für eine kurzfristige Irritation. Denn der asiatisch-pazifische Raum ist nach wie vor ein Wachstumspol der Weltwirtschaft. Trotz Dollarbaisse und Unsicherheiten über die US-Konjunktur bleibt die Dynamik hoch. Das verdankt die Region nicht nur ihrer stabileren Ausgangslage nach den Reformen, sondern auch einem regen innerasiatischen Handel. Dass Südostasien solide Zahlen vorweist, ist letztlich der Kraft des chinesischen Drachen und des indischen Elefanten zu verdanken. Und denen geht die Luft nicht so schnell aus.

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