Thesen zur „Leser-Revolution“

Das Ende des Frontalunterrichts

Die Journalisten sind die Alten geblieben. Die Leser nicht, sagt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Es finde täglich ein leiser Aufstand der Mündigen und Selbstbewussten statt. Redaktionen dürften nicht belehren.
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Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: „Das Verhältnis zu den Lesern ist gespannt.“ Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: „Das Verhältnis zu den Lesern ist gespannt.“

(Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hat auf der Tagung „Future Summit 2013: Innovation, Wirkung, Nachhaltigkeit“ am Donnerstagabend eine Rede zur „Leser-Revolution“ gehalten. Wir dokumentieren seine sieben Thesen und freuen uns auf Ihre Reaktionen.

Meine Damen und Herren,

das Internet ist die großartigste Erfindung, seit es Sündenböcke gibt. Fallende Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften gelten nicht länger als Ausweis geschrumpfter journalistischer Attraktivität, sondern werden als Ergebnis einer technologischen Großrevolution gedeutet. In dem Vorgang liegt eine bisher unterschätzte Magie der Globalisierung: Selbst die Gründe für das eigene Leiden lassen sich in Echtzeit exportieren, in unserem Fall ins Silicon Valley.

Der Springer-Konzern hat im Siedlungsgebiet des Gegners eigens eine Forschungsstation eingerichtet, um uns über dessen Wanderungsbewegungen aufzuklären. Jede Depesche von dort wird von den Daheimgebliebenen als Persilschein gelesen. Wir sind unschuldig! Google war’s!

Dabei ist für die Selbsterkenntnis der Handspiegel deutlich hilfreicher als das Fernrohr. Schon Friedrich Schiller empfahl uns: „Willst Du dich selbst erkennen, so sieh, wie die anderen es treiben. Willst Du die anderen erkennen, blick in dein eigenes Herz.“

Dort drinnen also, tief im Innersten unseres Gewerbes, verstummen die technologischen Nebengeräusche. Wer erkenntniswillig ist, erkennt hier, dass das Verhältnis zu den Lesern gespannt ist.

Der Grund: Die Journalisten sind ganz die Alten geblieben. Unsere Leser nicht. Es findet täglich ein lautloser Aufstand der Mündigen, der Selbstbewussten, der Aufgeklärten statt, die den medialen Frontalunterricht – die Redaktion belehrt, der Leser lauscht andächtig – als unzeitgemäß und auch als undemokratisch ablehnen. Wir leben größtenteils noch in der alten Welt, derweil sich unsere Leser auf fröhlicher Überfahrt in die neue Welt befinden. Es sind vor allem sieben Versäumnisse, die wir uns vorhalten lassen müssen. Ich benutzte bewusst die Form des „wir“ und damit der Selbstbezichtigung; ich tue es mit dem Hintergedanken, so die Bekömmlichkeit des Gesagten zu erhöhen und die Abstoßungsreaktionen innerhalb unserer Zunft zu reduzieren.

1. Eintönigkeit
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47 Kommentare zu "Thesen zur „Leser-Revolution“: Das Ende des Frontalunterrichts"

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  • Danke, Herr Steingart, ein mutiges Manifest, das es gilt, jetzt wahr zumachen. Objektivität in der Darstellung und furchtlose Kritik an den Mächtigen wäre ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Medienlandschaft. Ich werde das beobachten und bei Realisierung können Sie auf mich als Abonnent rechnen. Bislang jedoch hindert mich wie bei allen anderen Großen die erkennbare Tendenz.

  • netshadow

    Nehmen Sie es einfach zur Kenntnis, dass "Rechner" heute das Privileg hat, Herrn Henkel als Einziger, Erster und Letzter kommentieren zu dürfen. Sie müssen Rechner eben als Ihren "Stellvertreter" nehmen, der für alle Euroenthusiasten spricht und sprechen darf.

    Insofern haben wir es mit einer erneuten "Innovation" der Kommentarmöglichkeiten bei HB-online zu tun.

    Rechner rechnet für "alle"

    (Vielleicht ist es der Redaktion doch noch möglich, den Kommentarbereich bei "Henkel trocken" wieder zu öffnen, oder haben wir "angenehmerweise" verlängertes "Wochenende" oder "Blauen Mondtag"?)

  • Schade, ich hätte gerne mal wieder Herrn Henkel "bekommentiert", das ich mich alles andere als in einer Sackgasse fühle und befinde.
    Und ich daher auch nicht an Umkehr denke und denken muß :).
    Nur weil jemand ein Schild hinstellt, heißt es noch lange nicht, das es nicht viele Wege zum Ziel gibt.

    Dazu noch, ich kommentiere nicht bei Facebook, weil ich dort nicht angemeldet bin, und das auch nicht vor habe.
    Warum denkt das HB nicht an ein eigenes social-network? Geht technisch genauso einfach wie Kolumnen schreiben :).
    Und moderieren kann man das auch.

  • Na ja, moderne Urinale stinken eigentlich schon lange nicht mehr. Geteerte schwarze Wände mit einer Rinne davor,dürften inzwischen auch dem "Klugen Kopf" nur noch vom Hörensagen bekannt sein, wenn er nicht älter als 35 Jahre ist.

    Insofern liest sich diese Metapher zwar ganz nett, wirkt aber etwas antiquiert und bemüht.

    Die dunkle Rückseite des Mondes ist zwar bekanntlich immer vorhanden, nur bekommt man sie nie zu Gesicht. lol

  • Oft waren es nur die Kommentare der Foristen, die mich motiviert haben, die Online-Ausgabe des Handelsblattes zu studieren. Beim Lesen der ersten Zeilen des Artikels von Steingart hier hat mich jedoch die Neugier für den Rest des Textes nicht mehr losgelassen.
    „Frontalunterricht“ ist eine Unterrichtsmethode, die kombiniert mit einer guten Fragetechnik, zu erkenntnisreichen Dialogen im Unterricht führen kann. Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, sollten die Methoden aber häufig varriiert werden.
    Viel wichtiger als die Methode sind aber der Lehrplan und die daraus resultierenden Unterrichtsinhalte. Da liegt „der Hase im Pfeffer“. Noam Chomsky stellte deshalb etwas resigniert fest (leider in englischer Sprache):
    Education Is a System of Indoctrination of the Young
    http://www.youtube.com/watch?v=JVqMAlgAnlo
    Kann dieser Satz eventuell auch auf Medien, ggf. sogar auf das Handelsblatt sinngemäß übertragen werden? Medien sind ein System zur Indoktrination der Bevölkerung.
    Manchmal kommen mir die Sätze des berühmten Edward Bernays (Propaganda) in den Sinn, wenn ich den einen oder anderen Artikel in den aktuellen Printmedien lese. Es ist deshalb dringend notwendig, daß wenigstens das Handelsblatt vor dem exponentiell zunehmenden Trend hin zur NWO zu gechützt wird.

  • Ab 21 Uhr ist das Kommentieren hier leider nicht mehr möglich.

    Auf unserer Facebook-Seite kann weiter diskutiert werden:

    https://www.facebook.com/handelsblatt/posts/10151800523293233

  • Nein, nein

    Aus historischen Erfahrungen weiß man, dass ein Rot mit Rot-Rot zu braun wird (s. Weimar).

  • Es ist, als hätte man ein abwechslungsreiches Flussdelta mit vielen interessanten und schönen Nebenarmen in einen hässlichen betonierten Kanal mit glatten Hochufern gezwungen.
    Was solche Kanäle bei Flutwellen anrichten, ist zur Genüge bekannt.

  • Ein erfrischendes, erfreuliches Manifest vom HB. Bei vielen Online-Publikationen sind mittlerweile die Kommentare die eigentliche würze in der ansonsten faden einheitssuppe. Es ist natürlich nicht einfach hier die Trolle und Oberlehrer mit ihren immergleichen Parolen zu ertragen, hier beim Handelsblatt dürften wohl mehr als 50% der Kommentare von einem halben dutzend Kommentatoren stammen, mit weitestgehend vorhersagbarem Inhalt. Da glauben ein paar wohl durch grösstmögliche Penetranz irgendwie interessant zu werden. Das macht es ziemlich mühselig, aber ab und an gibt es doch die eine oder andere Perle zu entdecken.
    Richtig gut gefallen hat mir das Bild vom klugen Kopf hinter der FAZ, der dann doch nur den Blick aufs dahinterliegende Urinal verstellt, nicht aber den penetranten Gestank verdecken kann.

  • Persönliche Beleidigungen in Richtung anderer Kommentatoren müssen nicht hingenommen werden und sollten selbstverständlich gelöscht werden. Keine Frage.
    Hier sollte und muss der Moderator aktiv werden.

    Mit der "Sachlichkeit" ist es allerdings so eine Sache.
    Wie will man hier objektive Maßstäbe anlegen?

    Warum gibt es im HB keine Bewertungsfunktion für Kommentare? Gute und "sachliche" Kommentare werden mit einiger Wahrscheinlichkeit auch als gut und sachlich bewertet. Schlecht Geschriebenes und "Unsachliches"
    fällt durch und wird als solches kenntlich gemacht.

    Das ist zwar auch nicht "objektiv" aber immerhin besser als als Zensur, vor allem wenn es um politische Inhalte geht.

    Auch der Moderator hat eine politische Meinung und ist unter Umständen geneigt etwas zu zensieren, was ihm nicht gefällt, indem er seine Floskel der "Unsachlichkeit" bemüht.

    Besser ist es, die Leser entscheiden selber durch Abgabe von "Empfehlungen" was eher als "sachlich" oder eher als "unsachlich" zu nehmen ist. So wird bei der FAZ verfahren.

    Paternalistische Entscheidungen einer anonymen Instanz sind und bleiben fragwürdig.

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