Thyssen-Krupp
Löcher stopfen

Trotz hoher Gewinne hat der Konzern zu wenig Geld in der Kasse.
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Es klingt paradox: Fünf Rekordgewinne in Folge hat Thyssen-Krupp seit 2003 eingefahren. Auch das laufende Geschäftsjahr 2007/08 reiht sich nahtlos in die Erfolgsbilanz des Stahl- und Investitionsgüterkonzerns ein. Dennoch hat das Unternehmen, 1999 entstanden aus der Fusion der einstigen Rivalen Thyssen und Krupp, ein handfestes Liquiditätsproblem. Offenbar strapaziert das 20 Milliarden Euro teure Wachstumsprogramm die Finanzkraft des Konzerns. Thyssen-Krupp gibt für das laufende Geschäft und Investitionen mehr Geld aus, als der Konzern einnimmt. Anders ausgedrückt: der Free Cash-Flow ist negativ.

Der jetzt angekündigte Verkauf eines Teils der Dienstleistungssparte ist ein deutliches Indiz dafür, wie kritisch das Konzern-Controlling die Lage einstuft. Denn ohne Not hätte Vorstandschef Ekkehard Schulz zwei Jahre vor dem Ende seiner Amtszeit vermutlich nicht eine solch gravierende Portfoliobereinigung in Angriff genommen. Der Verkauf des Industrieservice-Geschäfts dürfte nur der Auftakt gewesen sein, heißt es im Konzern. In den nächsten Wochen müssten auch andere Sparten einen Beitrag leisten, um die Konzernkasse aufzufüllen. Selbst gute Kenner des Konzerns sind überrascht, dass der 67-jährige Schulz, seit neun Jahren im Amt, die unangenehmen Aufräumarbeiten nicht seinem Nachfolger überlässt, der voraussichtlich im Januar 2011 die Leitung übernimmt.

Mit dem beabsichtigten Verkauf der Sparte Industrial Service, die große Chemie- und Stahlwerke instand hält und Fahrwerkskomponenten für die Automobilhersteller zusammenbaut, trennt sich der Konzern von 1,7 Milliarden Euro Umsatz. Das sind nur drei Prozent der weltweiten Erlöse von 51 Milliarden Euro. Gravierender wirkt sich die Transaktion allerdings auf der Personalseite aus: Thyssen-Krupp trennt sich von 23 000 Menschen, immerhin einem Achtel der weltweiten Belegschaft.

Deshalb macht Schulz, der bei den drastischen Rationalisierungen während der letzten Stahlkrise stets auf einen fairen Interessenausgleich bedacht war, weitreichende Zugeständnisse. Um die Stimmung in der Belegschaft nicht noch weiter aufzuheizen - immerhin sind auch 12 000 Mitarbeiter in Deutschland betroffen -, wird der Vorstand die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat zeitnah und umfassend über den Stand des Verkaufsprozesses informieren. Einen Interessenten, der keine Zugeständnisse bei Beschäftigungssicherheit und betrieblicher Mitbestimmung macht, könnten die Arbeitnehmer sogar ablehnen, heißt es in Konzernkreisen.

Lange Zeit sah es so aus, als liefen die Geschäfte blendend: Im laufenden Monat hob der Vorstand seine Prognose an und versprach den Aktionären ein Ergebnis vor Steuern und Sondereffekten von 3,2 Milliarden Euro. Das ist zwar gut eine halbe Milliarde Euro weniger als im Vorjahr, aber immer noch fast das Doppelte dessen, was sich der Mischkonzern vor fünf Jahren als mittelfristiges Ziel gesetzt hat.

Dennoch hängt der Haussegen bei Thyssen-Krupp schief. Die Sparten Anlagenbau/Werften, technische Dienstleistungen und Aufzüge sind verärgert, dass sie wegen des hohen Geldbedarfs der Stahldivision ihre Investitionen kürzen müssen. Es rächt sich nun, dass Thyssen-Krupp vor langer Zeit seine einzige Erzmine verkauft hat. Die drastische Verteuerung wichtiger Rohstoffe wie Eisenerz und Kokskohle trifft den Konzern mit voller Wucht. In wenigen Jahren stieg der Anteil der Rohstoffe an den Produktionskosten von 50 Prozent auf mittlerweile fast 80 Prozent. Der weltgrößte Stahlkonzern Arcelor-Mittal, der gezielt in eigene Bergwerke investiert hat, befindet sich in einer deutlich besseren Position.

Alles in allem muss Thyssen-Krupp gegenüber der ursprünglichen Planung Mehrbelastungen in Höhe von fünf Milliarden Euro verkraften, heißt es in Konzernkreisen. Neben dem Preisschub bei den Rohstoffen schlägt zu Buche, dass sich der Bau von zwei neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA um mindestens 1,8 Milliarden Euro verteuern wird.

Der gerade abgeschlossene Rückkauf eigener Aktien dürfte weitere 1,3 Milliarden Euro gekostet haben. Darüber hinaus weigert sich die griechische Marine, ein 480 Millionen Euro teures U-Boot zu bezahlen.

Um ohne Verkäufe Geld in die Konzernkasse zu bekommen, könnte Thyssen-Krupp im Prinzip zwar Kredite bei den Banken aufnehmen. Doch die Nettofinanzverschuldung ist zuletzt wieder auf mehr als zwei Milliarden Euro angestiegen. Eine weitere Erhöhung dieser Kennzahl dürfte die Ratingagenturen auf den Plan rufen. Vor fünf Jahren - allerdings bei einer Nettoverschuldung von sieben Milliarden Euro - hatten sie die Bonität des Konzerns auf Ramschstatus abgestuft.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport

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