Türkei
Der Beitritt ist nötig

Fakten schaffen und zugleich den Eindruck erwecken, noch sei nichts entschieden: Nach diesem Motto hat Erweiterungskommissar Günter Verheugen den Boden bereitet für den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Die EU-Kommission spricht sich für die Aufnahme der Verhandlungen aus – das ist der springende Punkt. Gleichzeitig beruhigt Verheugen die Gemüter damit, dass die Gespräche ergebnisoffen seien, jederzeit abgebrochen werden könnten und der Beitritt frühestens 2015 erfolge.

Was als Beruhigung gedacht ist, könnte zum Problem werden: Die Türkei kann tatsächlich noch abgewiesen werden. Die Gegner haben in den kommenden Monaten und Jahren Zeit genug, die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu prägen. Soll die EU Milliarden zahlen für einen moslemischen Staat? Mit dieser Schreckvorstellung hat die Kontra-Seite gleich zwei Totschlagargumente zur Verfügung.

Den Argumenten der Beitrittsbefürworter fehlt dagegen noch die rechte Schlagkraft. Ihr wichtigstes Motiv ist richtig: Die Aufnahme der Türkei ist das Beste, was Europa zur Stabilisierung seines Umfeldes tun kann – einer Region, die militärisch, politisch und wirtschaftlich auf Jahrzehnte hinaus zum Brandherd werden kann.

Doch dieses eminent wichtige Faktum wird weit unter Wert verkauft. „Die Türkei ist eine Brücke zum Islam“, so und ähnlich lauten die Sprüche der Beitrittsfreunde. Das ist halbgar: „Brücke“ ist ein vages Bild, die Türkei im Mittleren Osten nicht sonderlich beliebt. Stabilisierend wirken die Verhandlungen nur, wenn die Türkei ein Paradebeispiel wird: dafür, dass ein islamischer Staat den Weg in die Moderne findet, Anschluss an den Westen gewinnt, ohne seine Identität zu verlieren. Gelingt das, werden die Muslime von Ägypten bis zum Kaukasus endlich ein Vorbild haben: Islam, Demokratie und Moderne gehen zusammen, der Westen ist Freund, nicht Feind.

Ein Argument der Gegner sollte die Pro-Seite ernst nehmen: Die EU als Politische Union hat noch eine weite Strecke vor sich, ehe sie selber „Türkei-reif“ ist. Auf die lange Frist bis zum möglichen Beitritt zu verweisen ist deshalb grundfalsch: Beide Seiten müssen ab sofort hart arbeiten, denn die Aufnahme der Türkei darf nicht scheitern.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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