Türkei
Destabilisierung

Nach dem Anschlag auf das US-Konsulat in der Türkei und der Entführung deutscher Touristen wird es Zeit für den Westen, sich stärker um das drohende Abkippen des Landes zu kümmern.

Reine Verschwörungstheorie wäre es, hinter der Entführung deutscher Bergsteiger in der Türkei - in einer vom Militär kontrollierten Region -, dem Anschlag auf das US-Konsulat in Istanbul und den Putschplänen der vergangenen Woche eine gemeinsame, dunkle Macht zu sehen. Politisch fahrlässig wäre es aber, die Wirkung dessen zu ignorieren, was sich in der Türkei abspielt.

Das Land wird destabilisiert, wirtschaftlich und politisch. Ob irgendjemand systematisch darauf hinarbeitet, lässt sich nicht sagen, dass sich diese Verunsicherung und Erschütterung aber vollziehen, ist nicht zu bestreiten.

Die Gegner der regierenden AKP, nämlich große Teile des Militärs und die nationalistische Opposition, wollen den gemäßigten Islamisten Erdogan und seine Partei von der Macht vertreiben und verbieten lassen. Schon bald wird das Verfassungsgericht über die angestrebte Illegalisierung der AKP urteilen.

Angesichts der vergangenen Wahlerfolge Erdogans ist der Versuch, ihn ohne Wahl um die Macht zu bringen, nicht nur demokratietheoretisch ein abenteuerliches Unterfangen, es ist auch schwierig in die Praxis umzusetzen - solange die AKP als Garant für Stabilität und Prosperität gilt. Aber das lässt sich ja ändern.

Für den Westen ist es spätestens jetzt an der Zeit, sich stärker um das drohende Abkippen der Türkei zu kümmern. Antieuropäisch, antiwestlich, auf Abkapselung bedacht ist nicht die AKP, sondern die Opposition. Und das Militär, auf das früher zumindest die Amerikaner großen Einfluss hatten, hat auch diese Verbindung gelöst, seit die USA ein schnelles Losschlagen gegen die Kurden im Irak verzögert haben. Derzeit ist nicht absehbar, wer überhaupt noch einen Hebel hätte, um eine Türkei ohne Erdogan beeinflussen zu können - beunruhigend in dieser heiklen Region.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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