Türkei
Gefährliches Dilemma

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Die Türkei hat an der Grenze zum Nordirak eine mächtige Drohkulisse aufgebaut. Rund 100 000 Soldaten hat Premierminister Recep Tayyip Erdogan an die Grenze befohlen. Es ist fraglich, ob Ankaras Regierungschef eine Invasion des Iraks politisch überhaupt noch verhindern kann. Denn im Konflikt mit den Rebellen der kurdischen Arbeiterpartei der PKK hat er sich in die Hände des Militärs begeben. Das ist eine Ironie der Geschichte. Denn Erdogan wollte den politischen Einfluss der Generäle eigentlich beschränken.

Sollte sich die Regierung in Ankara trotz aller Mahnungen aus USA und EU entschließen, das PKK-Problem mit Gewalt zu lösen, droht ihr gleich mehrfaches Unheil. Dann stünde nicht nur der Irak vor einer neuen Zerreißprobe. Dann würde auch das spannungsgeladene Verhältnis zu den USA einem Zerwürfnis ausgesetzt, das kaum zu kitten wäre. Und die EU wird einer Invasion ebenfalls kaum tatenlos zusehen können. Von Erdogans heutigem Treffen mit US-Präsident Bush hängt insofern eine Menge ab.

Wenn sich Bush nicht in ein gefährliches Dilemma manövrieren will, so muss er dem türkischen Premier ein klares Konzept vorlegen, denn Ankara will Taten sehen. Washington will zwar gemeinsam mit Ankara gegen die rebellischen Kämpfer vorgehen. Doch wie, das bleibt offen. Einen Einmarsch des strategischen Verbündeten kann Bush jedenfalls nicht tolerieren. Bush und Erdogan müssen also über den Tag hinausdenken. Selbst wenn ein Militärschlag kurzfristig Entlastung schaffen könnte: Die Wurzeln des Konflikts liegen zu tief, als dass so eine dauerhafte Lösung denkbar wäre. Nur wenn Ankara den Kurden kulturell, politisch und wirtschaftlich eine Zukunft in der türkischen Gesellschaft bietet, kann den Terroristen jener Nährboden entzogen werden, der den Konflikt immer wieder aufs Neue entfacht.

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