Türkei
Künstliche Aufregung

Der zielstrebige Marsch der Türkei in die europäischen Institutionen ist vielen suspekt. Da wird jedes Wort aus türkischem Munde gedreht und gewendet.
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Da bricht eine merkwürdige Debatte nach dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Deutschland aus. Bundeskanzlerin Merkel meldet Gesprächsbedarf an, nachdem der Premier vor einer unerwünschten Assimilierung seiner Landsleute in Deutschland gewarnt hat, Bayerns Ministerpräsident Beckstein will gleich nationalistische Töne vernommen haben. Es scheint, als würde hier ein künstlicher Konflikt vom Zaun gebrochen.

Wozu er dienen könnte, wird schnell klar. Den Konservativen – nicht nur in Deutschland – ist der zielstrebige Marsch der Türkei in die europäischen Institutionen suspekt. Da wird jedes Wort aus türkischem Munde gedreht und gewendet, um es auf Europa-Tauglichkeit abzuklopfen. Zwar ist das Wort Assimilierung unglücklich gewählt. Aber im Grunde hat Erdogan doch dafür plädiert, eine sinnvolle Integration der in Deutschland lebenden Türken zu unterstützen.

Sein Vorschlag, türkische Schulen hierzulande einzurichten, ist doch gar nicht so abwegig. Was, bitte schön, unterscheidet Erdogans Idee denn von den Bemühungen Berlins im Ausland? Ein erklecklicher Teil des Kulturhaushalts der Bundesregierung wird dafür verwendet, deutsche Schulen einzurichten. Und dort unterrichten deutsche Lehrer. Wozu also die Empörung?

Zu erklären sind die Aufgeregtheiten nur damit, dass die Emotionen stets hohe Wellen schlagen, wenn es um die Annäherung der Türkei an Europa geht. Ob die Türkei sich anschickt, Mitglied der EU zu werden, das Kopftuchverbot lockert oder in Deutschland für den Erhalt der eigenen kulturellen Identität wirbt: Allzu oft werden der türkischen Regierung Hintergedanken für eine schleichende Islamisierung unterstellt. Es wird Zeit, sich nüchterner mit der Türkei zu beschäftigen. Schließlich gelten für sie die gleichen Regeln wie für andere Nationen, die sich in das europäische Gefüge einordnen.

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