Türkische Militäroffensive im Irak
Kommentar: Riskant

Ob es nun 10 000 türkischen Soldaten sind, wie manche Quellen sagen, oder „nur“ 3 000, wie andere zu wissen glauben: so massiv wie jetzt hat das türkische Militär zuletzt vor mehr als einem Jahrzehnt im Nordirak interveniert. Doch der neuerliche Einmarsch mag der PKK Verluste zufügen, in die Knie zwingen wird er sie aber nicht.
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Ob es nun 10 000 türkischen Soldaten sind, wie manche Quellen sagen, oder „nur“ 3 000, wie andere zu wissen glauben: so massiv wie jetzt hat das türkische Militär zuletzt vor mehr als einem Jahrzehnt im Nordirak interveniert. 1995 marschierte die Türkei mit fast 40 000 Mann über die Grenze, 1997 mit rund 15 000. Das Ziel waren damals wie heute Stützpunkte der kurdischen Guerillaorganisation PKK in den nordirakischen Bergen. Nachhaltigen Erfolg hatte keine dieser Militäraktionen.

Der neuerliche Einmarsch mag der PKK Verluste zufügen, in die Knie zwingen wird er sie aber nicht. Dafür beschwört er viel größere Risiken herauf als die Interventionen der 1990er Jahre: was, wenn die türkischen Truppen in Gefechte mit den Peschmerga-Soldaten der kurdischen Autonomieverwaltung im Nordirak verwickelt werden oder gar mit US-Besatzungstruppen aneinandergeraten?

Die vor allem in Washington gehegte Sorge, dass die türkische Militäroperation die Lage im Nordirak destabilisieren könnte, ist nicht unberechtigt. Und nun kündigt die PKK überdies Vergeltungsschläge in den westtürkischen Städten an. Dass diese Drohung durchaus ernst zu nehmen ist, zeigen Dutzende Terroranschläge, die kurdische Extremisten in den vergangenen Jahren in Metropolen wie Istanbul und Ankara oder Tourismuszentren wie Izmir und Antalya verübt haben.

Es ist zwar verständlich, dass die Türkei vor dieser terroristischen Bedrohung nicht kapituliert und die PKK-Lager im Nordirak auszuschalten versucht. Aber die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt: mit militärischen Mitteln ist der Kurdenkonflikt nicht zu lösen. Seine Wurzeln liegen in der wirtschaftlichen und sozialen Vernachlässigung der Kurdenprovinzen, in den feudalen Strukturen und in der Zwangsassimilierung, der die Kurden seit Gründung der türkischen Republik unterworfen werden. Solange sich daran nichts ändert, wird die PKK immer wieder Nachwuchs finden.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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