Tui: Kommentar: Clevere Geldbeschaffung

Tui
Kommentar: Clevere Geldbeschaffung

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Über drei Milliarden Schulden belasten die Bilanz des Reise- und Schifffahrtskonzerns Tui. Da ist es mangels nicht gerade erstklassiger Bonität selbst für einen Dax-Konzern teuer, frisches Geld zu beschaffen. Es sei denn, er greift in die Trickkiste: Über die heute Morgen per Ad-Hoc-Mitteilung angekündigte Umtauschanleihe verhökert der Hannoveraner Konzern vorübergehend fast zehn Prozent seiner Anteile an der in London notierten Tui Travel plc – und kann dafür bis zu einer halben Milliarde Euro einstreichen. Und das zu Konditionen, die der Kapitalmarkt kaum geboten hätte.

Formal verliert die AG zwar die Mehrheit an der plc. Doch sie hat sich, wie sie sagt, vertraglich die Stimmrechte an dem an die Deutsche Bank übertragenen Aktienpaket sichern können. Erklärtermaßen will sie die Tochter weiter voll in der Bilanz konsolidieren – am erhofften Wachstum partizipieren und dort weiter mitreden. Clever ist bei dieser Art der Geldbeschaffung auch dieses: Da der Anteil der Tui AG an der Tui Travel plc juristisch unter 50 Prozent sinkt, gewinnt die Tochter Selbstständigkeit am Kapitalmarkt.

Bisher hat diese die Mutter quasi als Bank benutzt. Rund 2 Mrd. Euro sind im Zusammenhang mit dem Börsengang in London im September in die plc geflossen, als „Shareholder Loan“, wie das in Großbritannien heißt. Der britische Ableger durfte sich nicht selbst Geld beschaffen, weil die Mutter in ihren schon vor der Gründung begebenen älteren Anleihen klar die Verpflichtung formuliert hatte, dass Unternehmen mit mehr als 50 Prozent Beteiligung der AG sich nicht selbst verschulden dürfen.

Das nach London überwiesene Geld fehlt der Tui angesichts der hohen Schulden und der entsprechenden Zinsbelastung an allen Ecken und Enden. Nun wird der Spieß umgedreht: Die plc wird selbst Geld aufnehmen und ihre Verpflichtungen gegenüber der Mutter erfüllen.

Heilige Eide schwört der Tui-Konzern, dass die Aufgabe der Mehrheit an der plc nur vorübergehend ist und dass er in jedem Fall das Aktienpaket 2013 wieder zurück erwerben will. In Bankenkreisen schenkt man dem Glauben: Der Verzicht auf die Mehrheit bedeutet für die Tui nicht den Einstieg zum Ausstieg aus der Touristik. Kann sein, dass das im Moment niemand will. Eine Option wäre es in jedem Fall. Vielleicht findet sich ja ein Interessent für die Hapag-Lloyd-Schifffahrt, der zweiten Säule des Konzerns neben der Touristik. Die Gerüchteküche köchelt ständig angesichts der Branchenkonsolidierung in der Container-Schifffahrt. Was das Bekenntnis zur Touristik noch wert ist, wenn die Zwei-Säulen-Strategie nicht mehr Konzernpolitik ist, wird sich zeigen. Fünf Jahre sind eine lange Zeit.

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