TV-Kritik Anne Will
Alle gegen den Euro-Gegner

In Anne Wills Talk zur Zypern-Rettung herrschte lange einhellige „Ja, aber“-Stimmung. Erst als Anti-Euro-Politiker Bernd Lucke forderte, den Euro abzuschaffen, platzte einem seiner Gegner der Kragen.
  • 259

DüsseldorfMit der Kernforderung seiner Partei musste Bernd Lucke bis kurz vor Schluss der Sendung warten: Ohne den Euro stünde Europa besser da, sagte der Mitbegründer der Anti-Euro-Partei „Alternative für Deutschland“. Vorher hatte er von Einlagensicherheit gesprochen, bekundet, dass er Verständnis für Zyperns Parlamentarier habe und argumentiert, dass der zyprische Bankensektor nicht schrumpfen dürfe, weil er einen beträchtlichen Teil zur dortigen Wirtschaftsleistung beitrage. Volkswirt Lucke stieß mit den meisten dieser professoral vorgetragenen Positionen in Anne Wills Runde zur Frage „Vertrauen weg bei Europas Sparern?“ auf mehr oder weniger deutlichen Widerspruch. Doch als er seine Forderung nach einem radikalen Schnitt vortrug, einem Europa ohne Euro, da platzte einem seiner Gegner in der Diskussion der Kragen.

Ausgerechnet CSU-Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber wollte das nicht stehen lassen und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die europäische Idee. „Man hätte sie damals nicht aufnehmen dürfen“, sagte er und meinte mehrere Euroländer, die derzeit in der Krise stecken. „Jetzt haben wir sie aber.“ Den Euroraum wieder aufzulösen, ob ganz oder teilweise, würde einen Spaltprozess in Gang setzen, der nicht mehr aufzuhalten wäre. Für Europa lobte Stoiber gar seinen Gegner bei der einstigen Bundestagswahl: „Das würde die Politik und die Ideen von Adenauer, von Schröder, von Merkel völlig kaputt machen“, polterte er. „Wir wären in einer Situation wie vor dem zweitem Weltkrieg, voller Nationalismus und Hass.“

Lucke, von Stoiber mit „schon wieder so ein Professor“ abgewatscht, durfte noch entgegnen, dass er glaube, der Hass werde nicht durch die Abschaffung sondern durch den Euro selbst befeuert und auch er wolle nur das Beste für die europäische Verständigung. Dann endete eine Debatte, die nur in diesem Schlussmoment einen wirklich kontroversen Standpunkt und Leidenschaft für die europäische Idee transportieren konnte.

Vorher hatte Moderatorin Anne Will knapp 70 Minuten eine Gesprächsrunde geführt, die selten wirklich zur Debatte werden wollte. Grünen-Fraktionsvorsitzender Jürgen Trittin und Edmund Stoiber waren sich weitgehend einig, dass „Erpressen“ ein zu starkes Wort für das Verhalten der Zyprer sei, es eine Pleite Zyperns zu vermeiden gelte, diese ohne Beteiligung der Bevölkerung aber auch nicht gehe und dass ein Freibetrag von 100.000 Euro von Anfang an sinnvoll gewesen wäre. Beide sprachen lieber von der „europäischen Verantwortung“ als von Systemrelevanz.

Auch der stellvertretende Chefredakteur der Bildzeitung, Nikolaus Blome, sagte, dass eine Insolvenz, bei der die Sparer gar nichts mehr hätten, schlimmer sei als die Zwangs-Steuer. Denn: „Wenn das ganze Land pleite geht, gibt es auch keine Einlagensicherheit mehr“, so der Journalist. Er sagte zwar, man dürfe sich nicht erpressen lassen, Zypern sei nicht systemrelevant und „eine Rettung um jeden Preis“ könne es nicht geben. Aber auch er vermittelte den Eindruck: Leichtfertig scheitern lassen sollte man Zypern nicht.

Kommentare zu " TV-Kritik Anne Will: Alle gegen den Euro-Gegner"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Mamamiu
    70 Jahre Frieden in der Euro-Zone sind ein hohes Gut! Wir sollten nicht so leichtfertig damit umgehen. Was nützen uns alle Euros und Dollars dieser Welt, wenn wir an unserem Frieden schaden nehmen. Ich selbst war schon immer Euro-Gegner, wir haben ihn nun mal und sollten wissen was wir an ihm haben. Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende und dafür Frieden ohne Ende?

  • Also @hermann.12 ich muß sagen ich bin erschüttert über so viel Unwissenheit. Die Architekten Europas einerseits und des Euros andererseits gingen von soliden wirtschaftlichen Bedingungen aus. Das vor dem Euro eine politische und wirtschaftliche "Einheit" gebildet werden mußte war kar. Deshalb sollte der Euro unter ganz bestimmten Bedingungen starten. Eine inkompetente Rot-Grüne Regierung weichte die Masstrichtverträge aus einem einzigen Grund auf: um ihre desaströse Haushaltsführung zu vertuschen. Gut Geldausgeben was einem persönlich nicht gehört, ist ja immer leicht. Die Folge war eine massive Überschuldung. Das ist schwere Untreue. Die CDU hat mitgemacht. Von Griechenland will ich garnicht erst anfangen. Fazit: Steinbrück, Trittin, Roth nie wieder ranlassen. Denn Schmerzen erleiden wegen der Dummheit, Leichtsinnigkeit und Profilierungssucht einiger Möchtegernmachthaber, macht der Bürger nicht mehr mit. Dafür muß er zu schwer arbeiten. Wann der Bürger "schreit" obliegt i.Ü. nicht ihrer billigen Einschätzung.

  • An Zypern zeigt sich doch nochmals deutlich, das ein genetisch krankes Währungssystem die eigentliche Ursache der EU-Krise ist. Die Leute rufen es doch dort auf offener Strasse so laut, das es selbst Politiker hören sollten: Sie seien in der Hoffnung auf den Beitritt zu einer Haftungsunion "Europa" jetzt betrogen worden. Das war der eigentliche Sinn der Währungsunion für den Beginn einer uferlosen Schuldenpolitik nach dem uralten politischen Grundsatz: Schulden, die nicht gezahlt werden oder die andere übernehmen, sind keine. Aber wenn´s nur die Schulden wären: Sie haben sich in der Zeit von 2000 bis 2012 die eigene Wirtschaft als Lebensgrundlage ruiniert und suchen nun jemanden, der dafür die Verantwortung übernimmt und alles wieder in Ordnung bringt. Und der Euro als der größte Spaltpilz der Weltgeschichte bringt jetzt sogar wieder alte Strategien aus den Weltkriegen und dem kalten Krieg wieder ins Spiel: Die russische Hegemonie im Mittelmeer. Im Übrigen sind alle Behauptungen der Politik, der Euro sei Wohlstandsstimulator, Exportmotor und ähnlicher Unsinn, höchstens als Erklärung für die politische Aporie bedeutsam, mit der man vor der EU - Krise steht.
    Und den Stoiber, der ganz offensichtlich sein politisches Pulver für Strauss und Bayern verschossen hat, sollte man gefälligst im Altenheim lassen und nicht vor ein Mikrophon: Aber schaden tut´s auch nicht, der qualifiziert sich schon selber ab,
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Peter Kraa für die Alternative für Deutschland

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%