TV-Kritik zu Maybrit Illner
Spionage sollte weniger sexy werden

Risikomanager-Versagen, ein Entwicklungs-Quantensprung, und ein guter Bosbach-Spruch: Bei Maybrit Illner diskutierte eine große Koalition aus alten und neuen Datenschutz-Anhängern über die NSA-Affäre.
  • 0

Düsseldorf/BerlinAlle reden über die Ausspähskandal, insofern tun es die Talkshows umso mehr. Maybrit Illner setzte am Donnerstagabend ziemlich genau fort, was am Sonntag bei Günther Jauch diskutiert worden war. CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach, der dort relativ gute Figur gemacht hatte, saß wiederum im Studio und blieb auch seinem Modus inhaltlich vager, dafür dezidiert vorgetragener Empörung über die "Komplettausspähung der Bevölkerung" treu. Zunächst erläuterte er lang und breit, warum auch er nicht glaubt, dass Barack Obama von der Merkel-Ausspähung nichts gewusst habe.

Für entschiedenere Schritte als Delegationen in die und Fragekataloge an die USA zu senden sowie internationale Abkommen "in Frage" zu stellen, nicht aber zu kündigen, plädierte Bosbach nicht. Dass er vor allem deshalb derzeit in Talkshows gastiert, weil sich andere Unions-Vertreter wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mit früheren Fehleinschätzungen "gehörig blamiert" (Illner) hatten, wurde ihm wiederholt unter die Nase gerieben.

Die Moderatorin war kampfeslustig. Warum die vermeintlichen Freunde Deutschland "wie einen Schurkenstaat" behandeln, lautete eine ihrer Fragen. "Digitale Besatzungsmacht - müssen wir uns nun vor den USA schützen?" war die Sendung überschrieben. Der Amerikaner im Studo ließ freilich solche Anwürfe an sich abperlen.

Fred Irwin, Ehrenpräsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, sprach mit unverkennbarem Akzent und breitem Lächeln davon, dass es ja "in jeder Familie mal Streit" gäbe und nun eben "Lösungen und neue Regeln" für die Zukunft gefunden werden müssten. Von der Rolle des Zerknirschten, die bei Jauch Ex-Botschafter John Kornblum gegeben hatte, unterschied sich Irwin deutlich.

Immerhin gleich zwei Vertreter einer Institution saßen dabei, die unter der künftigen Großen Koalition keine große Rolle spielen wird: der Opposition. Der Grüne Jürgen Trittin tauschte mehrfach sein Einvernehmen mit Bosbach aus, so als würden auch die beiden gerne koalieren.

Marina Weisband, die zeitweilige Galionsfigur der Piratenpartei (die vielleicht ein besseres Wahlergebnis erzielt hätte, wenn das Ausmaß des NSA-Skandals früher bekannt geworden wäre), schien verinnerlicht zu haben, dass in Talkshows nicht unbedingt der höchste Redeanteil den besten Eindruck macht. Einer ihrer wenigen und zwar klugen, tagesaktuell aber nur bedingt hilfreichen Sätze lautete, dass die Menschheit am besten zur Einsicht kommen sollte, nicht alles zu tun, was sie tun könnte.

Die Runde komplettierten zwei auch derzeit amerikafreundliche Deutsche: Anton F. Börner, Präsident des Deutschen Groß- und Außenhandels, und Wolfgang Ischinger, von 2001 bis 2006 Botschafter in Washington und derzeit Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz.

Die beiden sprachen mitunter langsamer, als es Illner lieb war, trugen aber pragmatische Ansichten bei. "Immer wenn Bedrohungsszenarien bewusst werden, passiert ein Quantensprung der Entwicklung", zeigte sich Börner optimistisch, dass die Abhängigkeit von amerikanischen Internet-Infrastrukturen zurückgehen könnte. Ansonsten war er schon wegen der Millionen Arbeitsplätze, die an der deutsch-amerikanischen Beziehung hängen, dafür, den Konflikt "runterzukochen".

Seite 1:

Spionage sollte weniger sexy werden

Seite 2:

Lapsus des heute-journals ausgebügelt

Kommentare zu " TV-Kritik zu Maybrit Illner: Spionage sollte weniger sexy werden"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%