Übernahme durch Unicredito
Analyse: Die Kredit-Versorger

Würde sich Toyota Daimler-Chrysler oder VW einverleiben, ginge ein Aufschrei durch die Republik. Jetzt wird Deutschlands zweitgrößte Bank von einem internationalen Rivalen geschluckt – und Wirtschaft und Politik nehmen es mit einem Achselzucken hin.

DÜSSELDORF. Nicht, dass es etwas am Kauf deutscher Banken durch Ausländer auszusetzen gebe. Aber die Teilnahmslosigkeit, mit der die Öffentlichkeit die Übernahme der Hypo-Vereinsbank (HVB) durch Unicredito hinnimmt, ist bezeichnend für den Stellenwert, den Deutschland der Schlüsselbranche zumisst: keinen großen. Dass gerade in einem Hochlohnland eine Branche, die eine Vielzahl qualifizierter Arbeitsplätze bereitstellt, so gering geschätzt wird, ist ein wirtschaftspolitisches Unding.

Betriebswirtschaftlich hat die Fusion, die wohl am Wochenende festgezurrt wird, durchaus Charme. HVB-Chef Dieter Rampl sieht offenbar keinen Weg mehr, aus eigener Kraft im Wettbewerb langfristig eine nennenswerte Rolle zu spielen. Dies ist bemerkenswert, weil derselbe Rampl den Aktionären vor Jahresfrist bei der Kapitalerhöhung noch eine rosige Zukunft versprach. Der Glaube muss ihm irgendwann abhanden gekommen sein. Die Anlehnung an einen stärkeren Rivalen ist daher nur logisch. Auch die Wahl des Partners macht Sinn. Unicredito und HVB gemeinsam sind in der Wachstumsregion Osteuropa eine Macht. Zudem hat Unicredito-Chef Alessandro Profumo bewiesen, dass er im klassischen Filialgeschäft erfolgreich ist. Vielleicht schafft er es ja, die marode HVB-Deutschland-Sparte auf Vordermann zu bringen.

Abgesehen davon ist die Übernahme Ausdruck der eklantanten Schwäche der HVB und der gesamten deutschen Kreditwirtschaft. Mit Ausnahme der Deutschen Bank sind alle führenden Institute zu klein und zu wenig profitabel. In ganz Europa entstanden durch Fusionen „nationale Champions“, nur nicht in Deutschland. Diese Bankenriesen gehen jetzt auf Einkaufstour. Den germanischen Winzlingen bleibt dabei nur die Rolle des Juniorpartners wie der HVB oder – bis auf weiteres – die des Zuschauers wie im Fall der Commerzbank.

Der weitere Abstieg der Finanzbranche in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt lässt sich nur durch eine energische Konsolidierung verhindern. Der Fall HVB sollte Anlass genug sein, endlich einen ernsten Anlauf zu wagen. Dummerweise ist die Auswahl im privaten Lager begrenzt. Deutsche, Commerzbank und vielleicht die Postbank sind die einzigen Spieler, wenn man die Dresdner Bank außen vor lässt, die bei der Allianz untergeschlüpft ist. Kern des Problems ist und bleibt, dass Landesbanken und Sparkassen in staatlicher Hand sind. Damit fällt mehr als die Hälfte der Branche als Konsolidierungspartner aus. Doch verspüren die Politiker, die dies als Einzige ändern könnten, keinen Handlungsdruck. Warum auch? Landespolitiker schmücken sich gerne mit „ihrer“ Landesbank, Kommunalpolitiker lieben die Sparkasse als Sponsor von lokalen Ausstellungen, lukrative Pöstchen für Politiker gibt es obendrein. Zudem hat man der Bevölkerung eingeimpft, dass allein Sparkassen die Versorgung in der Fläche garantieren.

Genau diese Mentalität ist Teil des Problems. Banken werden als eine Art öffentlicher Dienstleister betrachtet, der gefälligst die billige Versorgung mit Krediten sicherzustellen haben. „Utility“ heißt das im englischen Sprachgebrauch. Anders in London, Zürich oder New York: Dort wird die Finanzindustrie als wirtschaftlicher Motor angesehen, der Wohlstand und Jobs schafft, kurz, als ganz normale Unternehmen. Doch wenn die Deutsche Bank wie ein ganz normales Unternehmen den Gewinn maximieren will, gibt es öffentliche Prügel. Und wenn Banken ihren guten Kunden billiger Kredite geben als Pleitekandidaten, ist das nicht betriebswirtschaftlich korrekt, sondern ein öffentlicher Skandal – siehe die Diskussion um die Eigenkapitalregeln Basel II.

Öffentlichkeit und vor allem die Politik müssen die Bankenwelt endlich als „ganz normale“ Branche wahrnehmen, als wichtige noch dazu. Dann ergeben sich die nächsten Schritte von allein: Wie bei anderen Versorgern, etwa den Energiekonzernen oder der Telekom, sollte sich der Staat weitgehend zurückziehen und sich auf das Fördergeschäft beschränken. Das heißt konkret: Privatisierung von Landesbanken und Sparkassen. Um die Konsolidierung voranzutreiben, sollten Landesbanken vorher fusionieren. Ein denkbarer Zwischenschritt bei Privatisierungen wären auch Zusammenschlüsse von Landesbanken mit privaten Instituten – auch Unicredito entstand aus einer Kombination von Banken und Sparkassen.

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