Übernahmefieber
Endspielstimmung

Beinahe jeden Tag wird eine Riesenfusion angekündigt. Zweistellige Milliardenbeträge als Volumen sind fast schon normal. Doch mehr und mehr stellt sich die Frage: Wann werden die Kartellbehörden den ersten Megadeal stoppen? Eine Analyse.

NEW YORK. Die Geschäfte brummen, die Börsen feiern neue Höchststände, und das Geld ist so schön billig: Das sind die Zutaten, die das Fusionsfieber 2007 allmählich auf die New-Economy-Temperatur des ungesunden Frühjahrs 2000 steigen lassen. ABN Amro und Alcan, Dow Jones und Reuters, Puma und Endesa: Wer nicht über einen fast dreistelligen Milliardenwert an der Börse abgesichert ist, so scheint es dieser Tage, erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Übernahmeangebot – zur Freude von Investoren und Spekulanten.

Dass inzwischen auch Euphorie im Spiel ist, zeigt die jüngste Offerte des US-Aluminium-Riesen Alcoa: Die Wall Street feierte das 33 Mrd. Dollar teure Übernahmeangebot an den kanadischen Erzrivalen Alcan mit einem Freudensprung von mehr als acht Prozent – für den Käufer Alcoa, wohlgemerkt! In der Börsenreaktion steckt die Hoffnung auf den nächsten Bieterkampf im boomenden Rohstoffsektor, aber auch die klare Ansage, dass Größe wieder belohnt wird an der Börse – ähnlich wie Ende der 90er-Jahre.

Doch im Unterschied zur New-Economy-Hochzeit bestimmen 2007 etablierte Industrien mit Substanz die Geschwindigkeit des Fusionskarussells. Die aktuelle Übernahmewelle wird getrieben vom Streben nach mehr Marktmacht und möglichst globaler Reichweite. In Schwellenländern wie China und Indien entstehen nicht nur riesige neue Märkte, sondern auch neue Wettbewerber, die mit deutlich günstigeren Kostenstrukturen zu Werke gehen. Unternehmen der westlichen Welt reagieren auf die fortschreitende Globalisierung mit einem altbekannten Reflex aus den Strategie-Lehrbüchern: „Bigger is better“ – mit anderen Worten: Fressen oder gefressen werden. Immer mehr Firmen erklären volumensichernde Zusammenschlüsse und damit Größenvorteile zum Nonplusultra ihres Geschäfts.

In einigen Industrien führt dieser zunehmende Konzentrationsgrad bereits zu einer Art Endspielstimmung. Der Zusammenschluss des deutschen Linde-Konzerns mit seinem britischen Rivalen BOC etwa war mangels ernsthafter Wettbewerber wohl der vorläufig letzte unter den Industriegaseherstellern. Ähnlich sähe die Situation im Fall Thomson/Reuters aus: Von drei führenden Finanzdatenanbietern verhandeln derzeit zwei über eine Fusion – der dritte ist Bloomberg. Konzentrierter geht es bald nur noch in der Verteidigungs- oder Tabakindustrie zu: Dort kommen die drei größten Unternehmen längst auf einen Weltmarktanteil von über 80 Prozent.

Von einer derartigen Dominanz mögen Alcoa und Alcan noch ein Stück entfernt sein, aber auch für das amerikanisch-kanadische Brautpaar gilt: Der Markt für Aluminium wird schon jetzt von nur wenigen Anbietern dominiert – Alcoa und Alcan spielen neben dem russischen Riesen Rusal die Hauptrollen. Nicht ohne Grund hat der Leichtmetall-Großkunde Airbus noch am Tag der Alcoa-Offerte Bedenken angemeldet und umgehend freundliche Grüße an die Kartellämter verschickt – mit der Bitte um sorgfältige Prüfung. Alcoa und Alcan mussten vor vielen Jahrzehnten schon einmal getrennt werden, um ein Monopol im amerikanischen Markt zu verhindern.

Gewiss: Die Wirtschaftswelt hat sich seitdem dramatisch verändert: Die Nachfrage nach Rohstoffen ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen und in ihrem Gefolge die Preise. Der Boom hat neue Konkurrenten angelockt, auf die sich Alcoa bei den Kartellämtern berufen wird: Bergbau-Konzerne wie BHP Billiton oder Rio Tinto könnten mit ihren Milliardengewinnen in die Alu-Branche expandieren. Auch die Geschäftsmodelle vieler Medienkonzerne, die einen Mix aus Fernsehen, Telefonie und Internet bieten, zeigen: Die Wirtschaft bricht aus ihren Grenzen aus, nicht nur geografisch. Aber wie lange werden die Kartellämter deswegen stillhalten?

Der US-Konzern AT&T durfte seine Einkaufstour im Vorjahr noch mit der 86 Mrd. Dollar schweren Übernahme des Rivalen Bellsouth krönen. In den 80er-Jahren wurde das US-Telefonmonopol zerschlagen. Inzwischen hat Konzernchef Edward Whitacre fast alles wieder gekauft, was zur alten AT&T gehörte.

Das Beispiel zeigt: Bis zum großen Finale ist es nicht mehr weit. 2007 könnte das Jahr werden, in dem die Behörden aus Furcht vor marktbeherrschenden Positionen den einen oder anderen Megadeal stoppen – vielleicht wird Alcoa-Alcan zur Nagelprobe.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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