Übernahmen
Conti Schaeffler: Kurz vor dem Ertrinken

Die Übernahme von Conti durch Schaeffler wird in die Lehrbücher der Wirtschaftsgeschichte eingehen - als Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte.
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Im mehr als zwölfmonatigen Ringen um die Macht verletzten die Protagonisten so ziemlich alle Regeln, die für Akquisitionen und Zusammenschlüsse gelten. Das Ergebnis: Mitten in der schwersten Branchenkrise sind beide Konzerne schwer lädiert. Wo alle Kraft auf das operative Geschäft und den Abbau der immensen Schuldenberge gerichtet werden müsste, versuchen sich die Ertrinkenden mit letzter Kraft gegenseitig unter Wasser zu drücken.

Die Schaefflers müssen am Donnerstag über den eigenen Schatten springen. Sie sollten im Conti-Aufsichtsrat ihre vordergründigen Interessen zurückstellen und für das stimmen, was am besten für dieses Unternehmen ist - also im Zweifel auch für eine Kapitalerhöhung. Aber selbst dann ist zu befürchten, dass beide Unternehmen noch für längere Zeit nebeneinander herwursteln. Ein Zusammenschluss ist in weite Ferne gerückt. In Hannover wird dies bei manchen Triumphgefühle auslösen. Doch Unabhängigkeit ist kein Wert an sich. Conti steht das Wasser bis zum Hals.

Als Schaeffler im vergangenen Jahr die Übernahme des dreimal größeren Konkurrenten Conti ankündigte, haben auch viele von denen applaudiert, die heute Häme zeigen. In der Autoindustrie gab es den Wunsch nach einem zweiten deutschen Zulieferkonzern von Weltrang neben Bosch. Viele werteten den Übernahmeversuch von Schaeffler als Zeichen für eine Renaissance der Familienunternehmen. Und die Banken standen nach dem Motto "Darf es eine Milliarde mehr sein?" mit Krediten parat.

Was dann kam, war der Worst-worst-worst-Case, wie sie es in Herzogenaurach nennen. Lehman-Pleite und Autorezession warfen alle Pläne über den Haufen. Schaeffler musste deutlich mehr Anteile übernehmen als zunächst geplant. Doch es waren nicht nur unglückliche Umstände, die zu dem Dilemma führten.

Grundregel Nummer eins bei Übernahmen und Fusionen: Es zählt vor allem die Geschwindigkeit. In den ersten Monaten sollten strategische Weichenstellungen getroffen, das Personaltableau aufgestellt und es sollte an der Firmenkultur gearbeitet werden. Bei Conti und Schaeffler aber haben die Akteure selbstverschuldet unglaublich viel Zeit verloren. Ein Jahr nach Start des Projekts werden die Synergiemöglichkeiten noch immer nur zum kleinen Teil ausgeschöpft. Da werden schon selbstverständliche Einkaufskooperationen als Erfolgserlebnis gewertet.

Wie es zu den Verzögerungen kam? In Hannover wehrte sich Conti viel zu lange gegen den neuen Großaktionär. Als der Einstieg der Franken schon längst nicht mehr zu verhindern war, setzten viele in Niedersachsen noch auf Widerstand. Eine Mitschuld daran trägt Schaeffler. Das Anschleichen vor der Übernahmeankündigung und das als großspurig empfundene Auftreten haben in Hannover Abwehrreflexe hervorgerufen. Mit harter Hand durchgreifen kann Schaeffler aber gar nicht. Die in Schönwetter-Zeiten geschlossene Investorenvereinbarung führt dazu, dass Schaeffler zwar 90 Prozent der Anteile bezahlen durfte, aber nur 49 Prozent direkt kontrolliert.

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