Ukraine
Analyse: Zeitfalle

Mut, Ausdauer und Beharrungsvermoegen zeichneten bisher schon die hunderttausenden Demonstranten in der Ukraine aus. Hinzu kamen bewundernswerte Disziplin und Hilfsbereitschaft. Doch der Kampf wird zunehmend zäh und dem Oppositionsfuehrer Viktor Juschtschenko schwimmen die Felle davon, noch ukrainischer Präsident zu werden.

KIEW. Mit dem heutigen Winteranfang tritt der wichtigste Verbündete von Amtsinhaber Leonid Kutschma auf den Plan – Väterchen Frost. Und wer jetzt über Kiews Majdan Nesaleschnosti, den Unabhängigkeitsplatz, zieht, sieht die Menschentrauben der Opposition nicht mehr so dicht stehen. Neun für die Freiheit durchgefrorene Nächte haben mürbe gemacht.

Hinzu kommt, dass die Strategie der Opposition immer undurchsichtiger wird. Anführer Juschtschenko verhält sich so, wie es viele von ihm erwartet haben: Er ist der große Zauderer. Zwar will er zu Recht eine friedliche Revolution. Ein von seinen Anhängern provoziertes Blutvergießen würde seine Ausrufung zum Präsidenten beflecken und ihn nicht zu einem anerkannten Staatschef machen. Doch nur abzuwarten, führt die Revolution in die Zeitfalle.

Lachender Sieger wird dabei das alte Kutschma-Regime sein: Durch die Vermittlungsversuche der EU wird der langjährige Präsident wieder zur Schlüsselfigur in Kiews Machtspiel. Denn der Opposition läuft die Zeit davon und damit enttäuschte Anhänger – solange Juschtschenko ausschließlich auf eine Entscheidung des Gerichts und des Parlaments hofft.

Am Ende wird so als Kompromiss eine Neuwahl herauskommen. Aber keine neue Stichwahl zwischen Janukowitsch und Juschtschenko, sondern ein neuer Urnengang von der Pike auf, also inklusiver erstem Wahlgang. Der aber kann rechtlich frühestens im April stattfinden. Und solange bleibt Kutschma an allen Hebeln der Macht, kann einen neuen Premier als seinen Nachfolger aufbauen.

So lange muss die Opposition wohl durchhalten, wenn sie die Gangart nicht verschärft. Und sie wird sich auf andere Herausforderer einstellen müssen: Das Kutschma-Lager wird nicht mehr einen durch zwei Vorstrafen diskreditierten Janukowitsch aufbieten, sondern wohl den smarten früheren Wirtschaftsminister Sergij Tihipko. Das aber würde eine neue Schlacht sehr schwer machen – und am Ende dürfte der Kutschma-Clan der Sieger sein.

Doch einen Wert hat das Vorgehen der Opposition schon gebracht: Ein Volk ist aufgestanden für Demokratie, gegen die Lüge von Staatsmacht und Staatsmedien, für ein Ende der Clan-Wirtschaft und die Freiheit. Ganz egal, wer am Ende Sieger der orangenen Revolution wird, sie hat ein Volk aufgerüttelt; ein Volk, dem das Recht auf seinen Weg in die Europäische Union gegeben werden muss.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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