Ukraine
Der Fall Timoschenko ist ein Eigentor

Auch im Ausland sorgt die umstrittene Haft der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko für viel Kritik. Rufe nach einem Boykott der Fußball-Europameisterschaft werden lauter - doch das wäre der falsche Weg.
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MoskauIn der Ukraine war von deutschen Geschäftsleuten bis vor kurzem folgende Meinung zu hören: Für den Co-Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft ist das Turnier bereits ein Erfolg, wenn das Land nicht negativ in die Schlagzeilen gerät. Das ist vorbei. Die öffentliche Wahrnehmung könnte wenige Wochen vor dem Anpfiff kaum schlechter sein.

Die Gründe dafür sind die umstrittene Haft der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko, die Misshandlungen im Gefängnis und ihr Hungerstreik. Dass Bundespräsident Joachim Gauck deshalb seine Reise nach Jalta absagt, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Land und damit auf seinen Präsidenten. Das Urteil gegen Timoschenko gilt als politisch motiviert: Präsident Viktor Janukowitsch will seine politische Gegnerin ausschalten. Doch mit dieser persönlichen Rivalität destabilisiert er das Land.

Die Europäische Union stellt nun das angestrebte Assoziierungsabkommen infrage, selbst aus Russland kommt Kritik am Nachbarn. Tatsächlich: Janukowitsch treibt sein Land in die Isolation und ist für den Imageschaden der Ukraine verantwortlich. Der Fall Timoschenko ist ein Eigentor.

Das Abkommen mit Brüssel soll das Land endlich näher an die Europäische Union heranführen. Mit immerhin 46 Millionen Einwohnern ist die Ukraine ein hochinteressanter Markt für westliche Unternehmen. Wer vor Ort Geschäfte macht, spricht zwar mitunter von einem schwierigen Umfeld, kann aber doch gute Umsätze erzielen. Zurückhaltend aber ist die Wirtschaft noch bei neuen Investitionen. Eine erfolgreiche „Euro 2012“ könnte das schlagartig ändern. Denn die Europameisterschaft ist mehr als Sport. Im Idealfall kann sie die wirtschaftliche Entwicklung positiv beeinflussen - und fast von selbst einen Modernisierungsschub einleiten.

Deshalb sind die Forderungen, das Turnier zu boykottieren, falsch. Es ist von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu kurz gedacht, jetzt ihren Ministern zu empfehlen, dem Fußballturnier fernzubleiben, sollte Timoschenko weiter in Haft bleiben. Ein Boykott würde aber vor allem Sportler, Fußballfans und Bürger treffen - die überhaupt nichts mit dem Fall Timoschenko zu tun haben. Stattdessen sollte die Europameisterschaft dazu genutzt werden, die breite Aufmerksamkeit auf die krassen Missstände zu lenken. Der politische Druck muss sich gegen die Führung des Landes richten, nicht gegen seine Bürger.

Präsident Janukowitsch muss jetzt einlenken. Die Behandlung Timoschenkos in Deutschland wäre ein Weg in die richtige Richtung. Nur wenn es eine Lösung vor dem Anpfiff gibt, kann die Europameisterschaft das schlechte Image der Ukraine bessern helfen.

Oliver Bilger ist Korrespondent in Moskau.
Oliver Bilger
Handelsblatt / Korrespondent Moskau

Kommentare zu " Ukraine: Der Fall Timoschenko ist ein Eigentor"

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  • Ich finde dass, die politiker die der Frau timoschenko jetzt die stange halten gleich sind wie sie, keiner hat bis dato die misstaende in der ukraine aufgezeigt, alle versprechen nur alles um an die macht zu kommen, aber aendern wird sich nichts. Das Volk wird von der Politik jeden Tag aufs neue hinters Licht gefuehrt, ich verfolge die politik in der ukraine seit dem fall von den präsitenten kutschma und es ist nichts besser geworden, nein im gegenteil vieles ist noch schlechter geworden, die einzigen die in der ukraine und der restlichen welt reich werden sind die politiker, und beim volk muss man sparen. Frau timoschenko hat dass Volk betrogen nun soll sie auch dafür hinhalten, in ihrer amtszeit hat sie nichts gegen die haftbedingungen unternommen warum soll man dass jetzt ändern?? weil es jetzt sie selbst erwischt hat, schlecht gelaufen für sie. Und an alle westlichen politiker boykotieren sie nicht die EM, wenn sie nicht hingehen wollen dann bleiben sie zuhause

    Doczekal Harald aus wien

  • Alle seriösen Artikel, die sich mit dem Thema der massiven körperlichen Schäden, die Juschtschenko im Präsidentschaftswahlkampf 2004 erlitten hat, sprechen von einer Dioxinvergiftung. Es geht hier nicht um Gerüchte von der Straße, sondern um vielfache medizinische Untersuchungen.

  • Ein paar Fakten um einen Durchblick zu erhalten ständen allen Medien gut an. Die bis jetzt gestreuten Darstellungen sind in meinen Augen eine Vernebelungsaktion. Aber wer ein wenig
    tiefer schürft erkennt einen roten Faden und der sieht nacheiner konzertierten Aktion zu einer Gefangenenbefreiung aus.
    Die Strategie ist perfide und unter Einbeziehung der
    bekannten Umstände teilweise so durchsichtig, daß es an
    eine Beleidigung des Intellekts des Publikum grenzt.

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