Umwelt
Den Klimwandel stoppen - sofort

Wir müssen jetzt endlich handeln, um die Energieerzeugung auf eine neue, klimafreundliche Basis zu stellen. In der Anfangsphase geht es nicht ohne Unterstützung vom Staat, später schafft der Markt allein die notwendigen Innovationen.
  • 7

Der Klimawandel wird nicht mehr ernsthaft bestritten. Die Debatte verlagert sich jetzt auf die Auswirkungen, die Klimaschutz auf das Wirtschaftswachstum hat. Wollen wir die Kosten der Vorbeugung und der Anpassung in einem Rahmen halten, der Wachstum erlaubt, brauchen wir eine breite Palette neuer Technologien. Viel können wir erreichen, wenn bereits bestehende Verfahren breiter eingesetzt werden. Aber das wird nicht reichen. Nötig sind neue Technologien, die zu Nullemissionen von Klimagasen führen und nicht auf begrenzte Ressourcen zugreifen. Diese "radikalen Technologien" sind besonders wichtig für die Langfrist- und Breitenwirkung. Sie stehen noch nicht zur Verfügung oder haben noch nicht die Phase der Kommerzialisierung erreicht.

Leider ist bislang zu wenig geschehen, um eine "grüne Innovationsmaschine" anzuwerfen, die uns diese Instrumente verschafft. Nur 2,15 Prozent der Patente, die weltweit angemeldet werden, bezogen sich in den Jahren 2001 bis 2006 auf Umwelttechniken. Bei den einzelnen Ländern ist Japan der Spitzenreiter, mit einem Anteil von 35 Prozent an den betreffenden Patenten. Korea und China haben sich ebenfalls spezialisiert. Die USA halten nur 15 Prozent der "grünen Patente", Deutschland acht Prozent, womit es in Europa weit an der Spitze liegt. Großbritannien spielt hier kaum eine Rolle.

Auch im Hinblick auf die Verbreitung grüner Techniken geschieht noch zu wenig, vor allem in der Stromerzeugung, der Branche mit den höchsten CO2-Emissionen. Jüngste Daten der EU-Kommission bestätigen, dass die Branche wenig für Forschung und Entwicklung ausgibt, im Schnitt nur 1,3 Prozent des Umsatzes. Von 15 Unternehmen schaffen es nur zwei in die Gruppe der 100 forschungsstärksten EU-Unternehmen, nämlich Areva und EdF, beide in Frankreich. Sechs Unternehmen aus der Branche alternativer Energien sind unter den 1000 forschungsintensivsten vertreten. Zusammen repräsentieren sie F+E-Ausgaben von 324 Millionen Euro oder 0,25 Prozent der gesamten entsprechenden Aufwendungen in der Gruppe der 1000. Bei weitem die bedeutendste Firma ist die dänische Vestas Wind, die fünf anderen sind kleinere aus Deutschland.

Eine rein private "grüne Innovationsmaschine" kann nicht effektiv funktionieren, da sie es mit einer Reihe von Externalitäten zu tun hat in Bezug auf Wissen und Umwelt. Sie ist auf die Unterstützung der Regierungen angewiesen. Wir brauchen eine öffentlich-private Partnerschaft: Marktkräfte müssen mobilisiert und in Richtung saubere Energien gelenkt werden. Wir versuchen zu beschreiben, wie diese Eingriffe der Regierung aussehen sollten, damit sie private Innovationen anregen und zu möglichst niedrigen Kosten im Klimaschutz beitragen. Einem kürzlich entwickelten Wachstumsmodell zufolge werden Forschungsaufwendungen dort getätigt, wo sie ihre profitabelste Anwendung finden. Danach sollten sich das Timing, Geschwindigkeit und Instrumente der "grünen Eingriffe" des Staates richten.

Klar ist: Wir müssen sofort handeln. Jede Verzögerung zieht hohe zukünftige Kosten nach sich. Wir brauchen eine breite Palette von Instrumenten. Dazu zählen Preise für den CO2-Ausstoß und Subventionen für die Forschung und Entwicklung sauberer Technologien. Einen Preis für CO2 erhält man durch eine CO2-Steuer. Der Steuersatz muss ausreichend hoch und langfristig berechenbar sein. Ein Handel mit Emissionsrechten (cap and trade) kann dieselben Ziele wie eine Steuer erreichen. Er verlangt aber ein hohes Maß an Information und Expertise, um die Allokation der Emissionszertifikate richtig hinzubekommen. Die Wahrscheinlichkeit von Irrtümern und die Möglichkeiten, politischen Druck auszuüben, sind hier größer.

Gemeinsam mit einem CO2-Preis sind F+E-Subventionen nötig. Man kann argumentieren, dass der Preis allein das Werk vollbringt: Er schreckt vom Einsatz alter, schmutziger Techniken ab. Doch wenn man sich allein auf den Preis verlässt, führt das kurzfristig zu einem starken Verbrauchsrückgang und so zu einem deutlich teureren Szenario.

Barrieren zu beseitigen, die die Substitution alter durch grüne Technologien bremsen (regulatorische Restriktionen, Standards, Zugang zum Netz), ist eine wichtige Aufgabe für den Staat. Die Effizienz von Subventionen für den Umweltschutz steigt, wenn neue Technologien die alten leichter ersetzen können.

Die staatlichen Eingriffe müssen nicht permanent sein. Sie sind wichtig in frühen Phasen. Aber die Marktkräfte können anschließend für die Verlagerung von Produktion und Innovation hin zu sauberen Aktivitäten sorgen, wenn die richtigen Anreize vorhanden sind. Der Staat sollte sich darüber im Klaren sein, wann und wie er seine Eingriffe zurückführt, speziell Subventionen für spezifische Techniken.

Es wäre sinnvoll, sofort einen CO2-Preis einzuführen, zusammen mit grünen Forschungssubventionen. Der Preis sollte anfangs ausreichend hoch sein. Im Zeitablauf kann er sinken, abhängig davon, wie schnell neue Technologien verfügbar werden. Der Zugang zu bereits bestehenden grünen Technologien muss erleichtert werden, vor allem zu denen, die als Pionierleistung von Japan und anderen Ländern entwickelt wurden, die früh investiert haben. Die Beihilfen für bereits vorhandene Verfahren sollten zeitlich so ausgestaltet werden, dass keine großen Lücken bis zur Anwendung wirksamerer, radikalerer Technologien entstehen. Da solche Techniken voraussichtlich nicht vor 2020 zur Verfügung stehen werden, muss die vorübergehende Nutzung und Förderung von Übergangs-Techniken eingepreist werden. Interessante Kandidaten dafür sind solche, die mit niedrigeren Kosten arbeiten, wie etwa die CO2-Abscheidung und Einlagerung (Carbon Capture and Storage, CCS).

Neue, saubere Technologien brauchen Unterstützung, um auf den Markt zu kommen und den Basisvorteil bereits installierter, alter Techniken auszugleichen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, keine zu restriktiven zeitlichen Ziele für die CO2-Minderung vorzugeben. Denn in diesem Falle würden Technologien begünstigt, die sofort griffbereit sind und zwar etwas besser als die alten, schmutzigen sind, aber deutlich hinter radikaleren Alternativen zurückbleiben.

Im Zentrum der aktuellen Debatte in Kopenhagen steht die Frage, wie die politischen Eingriffe zugunsten des Klimaschutzes international organisiert werden können. Da die Vorteile geringerer CO2-Emissionen global anfallen, können Länder dazu neigen, sich als Trittbrettfahrer zu verhalten, um Anpassungskosten zu vermeiden. Oder sie argumentieren wie manche Entwicklungsländer, sie müssten erst wirtschaftlich aufholen, ehe sie die Aufwendungen für den Klimaschutz schultern könnten.

Aber was bedeutet es, wenn einige Länder tatsächlich keine Anstrengungen unternehmen, um den Wandel in Richtung grüner Technologien zu fördern? Lohnt es sich trotzdem, wenn andere Länder auf sich gestellt Eingriffe vornehmen? Und ist es schließlich eine gute Politik, das eigene Verhalten abhängig zu machen von den Verpflichtungen, die andere eingehen?

Wenn man die Frage globalen Handelns mit der Perspektive eines gesteuerten technologischen Wandels angeht, wirft das vielleicht ein anderes Licht darauf, wie entwickelte Länder und Schwellenländer über weltumspannenden Klimaschutz debattieren und verhandeln. Während einige der Schwellenländer, vor allem China und Brasilien, bereits Bestandteil der globalen Innovationsmaschine werden, kann der größte Teil des Südens, das betrifft vor allem die ärmsten Regionen, bestenfalls grüne Technologien imitieren oder importieren, die vorher woanders entwickelt wurden. Das impliziert, dass man bereits ein großes Stück in Richtung Klimaschutz vorankommt, wenn die reichen Länder ihren technologischen Wandel entsprechend ausrichten und die Verbreitung der resultierenden Verfahren in den ärmeren Ländern ermöglichen.

Es ist möglicherweise nicht einmal nötig, schmutzige Produktion im Süden künstlich zu verteuern. Einseitiges Handeln in den Ländern des Nordens treibt Innovationen voran, was im Süden technologische Imitationen anregt. Je größer die übergreifenden Effekte aus dem Norden sind, desto schneller dreht sich die "Nachahmermaschine" im Süden und versorgt die Länder mit klimaschonenden Produkten und Techniken.

Deshalb ist es sinnvoll, dass die entwickelten Länder auch auf eigene Faust vorangehen, selbst wenn die Entwicklungsländer nichts unternehmen. Vor allem ist es auch ein Argument dafür, den Technologietransfer zwischen Norden und Süden zu erleichtern. Erst wenn saubere Technologien allen Ländern zur Verfügung stehen, können CO2-Zölle oder die Drohung damit ins Spiel kommen. Und nur so kann man Schwellenregionen davon abhalten, auf die Klimaschutzpolitik der entwickelten Länder dadurch zu reagieren, dass sie sich auf breiter Basis auf die Herstellung besonders klimabelastender Güter spezialisieren und diese dann exportieren (der so genannte "pollution haven" oder "carbon leakage"-Effekt).

Machen wir derzeit die richtige Politik? Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Die Preise für den CO2-Ausstoß sind in den meisten EU-Ländern niedrig, zudem gibt es eine weite Spanne. In der EU hat die erste Phase des Emissionshandels (European Union's Emission Trading Scheme, ETS) einen CO2-Markt errichtet, der aber einen geringen Umfang hatte und sehr volatil war. Daraus ergibt sich einerseits die Diskussion darüber, ob bestehende Steuern und der Emissionsrechtehandel einen ausreichend hohen CO2-Preis herbeiführen, der in der Lage ist, grüne Innovationen anzuregen. Doch andererseits muss diskutiert werden, wie man erreichen kann, dass der CO2-Preis langfristig berechenbar ist. Vor allem dies ist notwendig, denn anders kann die Bepreisung von CO2 nicht zu verlässlichen Reaktionen der Marktteilnehmer führen

Was Subventionen für grüne F+E angeht, zeigen die empirischen Erkenntnisse, dass die politischen Akteure sich nicht mit Ruhm bedecken. Das gilt vor allem für die USA. Öffentliche F+E-Ausgaben für den Umweltschutz und das Energiesparen machen nur einen geringen Anteil der gesamten Forschungsaufwendungen aus. Die Budgets sind sehr niedrig, und sie steigen auch im Zeitablauf nicht. Erst in allerjüngster Vergangenheit gibt es etwas hoffnungsvollere Daten, die auf einen Anstieg hindeuten.

Was den Technologie-Transfer in die Entwicklungsländer angeht, weisen die verfügbaren Daten darauf hin, dass ebenfalls zu wenig geschieht. Der Clean Development Mechanism der Uno, mit dem Unternehmen Investitionen in Entwicklungsländern auf ihre Reduktionsverpflichtung im Heimatland anrechnen können, sollte den Transfer beschleunigen. Doch hierzu gibt es nur eine kleine Zahl von Projekten, bei denen der Transfer tatsächlich eine Rolle spielt.

Es gibt genügend Anzeichen dafür - vor allem von Venture-Capital-Firmen -, dass die private Innovationsmaschine bald anspringen könnte. Aber die Akteure warten noch auf klare Zeichen vom Staat. Die Regierungen sollten diese Gelegenheit nicht verspielen.

Aber auch die EU hat einige Hebel zur Verfügung: Ein zentrales Ziel der EU sollte es sein, dafür zu sorgen, dass der CO2-Preis stabil ist und das gewünschte Niveau erreicht. Dafür ist es erforderlich, die Wirkungsweise des Emissionsrechtehandels mit Blick auf die längerfristige Berechenbarkeit des Preises zu verbessern. Zusätzlich sollte die EU eine aktivere Rolle bei der Gestaltung und der Koordinierung der nationalen Klimaschutzpolitiken ihrer Mitgliedstaaten spielen. Nur so wird es gelingen, einen europaweiten CO2-Preis zu erreichen.

Die EU sollte die Erforschung und Vermarktung neuer, radikal wirksamer Technologien fördern, indem sie mehr öffentliche Mittel für die "grüne" Grundlagenforschung bereitstellt. Sie kann dafür sowohl das Europäische Forschungsrahmenprogramm als auch andere Fördertöpfe nutzen sowie die Koordination der nationalen Forschungspolitiken der Mitglieder und der Drittstaaten verbessern.

Sie sollte auch zur Schaffung eines großen Marktes für grüne Technologien beitragen. Das könnte geschehen, indem gemeinsame klare und zeitkonsistente Vorgaben für technische Standards und Ausschreibungen in Kraft gesetzt werden. Die Wettbewerbspolitik und die Instrumente des Binnenmarktes sollten ebenfalls angewendet werden, um damit einen integrierten europäischen Markt für Stromerzeugung und-verteilung zu schaffen.

Die Gemeinschaft könnte eine führende Rolle in der internationalen Abstimmung des Klimaschutzes spielen, indem sie eine Road-Map für ein internationales Emissionshandelssystem erstellt. Zumindest sollte sie Verbindungen schaffen zwischen den Systemen der großen Mitspieler, vor allem mit dem der USA. So könnten Zertifikate international gehandelt werden.

Zu guter Letzt: Die EU sollte ein gerechtes Finanzierungsverfahren für Klimaschutz in armen Ländern vorantreiben und sich für einen besseren Zugang dieser Staaten zu verfügbaren und künftigen Technologien einsetzen, die den CO2-Ausstoß verringern.

Kommentare zu " Umwelt: Den Klimwandel stoppen - sofort"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • 18-formatic
    Ach, auch schon gemerkt, dass der Mensch immer den kürzeren zieht im Wettstreit mit den Naturgewalten?!

  • Klimageschehen ist nicht zu Stoppen!
    [[[[[[[[[ diesmal und niemals mit kein Geld und Macht des Menschen ]]]]]]]]
    Kälte,Wärme,Trockenheit,Erdbeben,blitzschlag
    ,Tsunami,Schneefall,Regenstürme,Tornados.....!
    Fakt ist es,der Mensch ignorriert vieles.
    Mit dem Klimageschehen kann er das auch tun...die Folgen die der Mensch zu spüren bekommt ist Gnadenlos und nicht bekämpfbar.
    Mfg

  • "Der Klimawandel wird nicht mehr ernsthaft bestritten".

    Die wichtigste Frage, ob dieser Klimawandel von Menschen verursacht, vielleicht sogar teilweise, wird erst gar nicht gestellt.

    Offenbar sind die Autoren so einseitig informiert, dass es für sie unvorstellbar ist, dass der Klimawandel nicht von Menschen verursacht worden ist.

    bei etwas mehr beschäftigung mit der Materie hätte man sehr schnell merken müssen, dass es erhebliche Meinungsunterschiede gibt.

    Von daher sollte man sehr vorsichtig sein, ganze industrien nun auf ein Ziel auszurichte, dass eigentlich gar kein zu beinflussendes Ziel ist.

    Die Voraussagen über Klimaentwicklung basieren ausschliesslich auf den Resultaten von Computersimulationen, die weder einen Einfluss der Sonne noch der Wolkenbildung kennen.

    Analysieret man die jüngste Diskussionen um die Manipulationen von Wissenschaftlern,die einen übergrossen Einfluss auf das iPCC haben, dann kann man nur mehr als vorsichtig sein.

    Hier wurde in großem Masse manipuliert, um gewünschte Ergebnisse zu erhalten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%