„Berlin Mitte“ mit Eichel und Kirchhof
Wie Sie sehen, verstehen Sie nichts

Es hätte eine ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Dreiviertelstunde werden können bei „Berlin Mitte “mit Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF. Finanzminister Hans Eichel und sein Kontrahent Paul Kirchhof waren zum Duell geladen. Heraus kam eine Lehrstunde in Fachchinesisch.

BERLIN. Zu besichtigen waren höchst unterschiedliche Charaktere. Der Moderatorin zur Rechten der Herausforderer Paul Kirchhof. Bildhafte Sprache, ausgeprägte Gestik - Kirchhof weiß, was er tun muss, um sein Publikum für sich einzunehmen. Ihm gegenüber ein detailversessener Hans Eichel, ständig dazwischenredend wie ein Erstklässler. Hier profitierte Eichel von dem Sitzfleisch, das er sich in den Polit-Talkshows der vergangenen Jahre angesessen hatte: Egal, ob ihm Kirchhof in die Parade fuhr oder Illner ihn bremsen wollte - der Finanzminister redete ungerührt weiter, und es störte ihn nicht im geringsten, dass seine Worte im Gezänk untergingen.

Illners Redaktion hatte sich zwei der mittlerweile allseits beliebten Rechenexempel erstellen lassen, um anhand vermeintlich typischer Steuerzahler darzustellen, wem die kirchhofsche Einheitssteuer etwas bringen würde. Herhalten dafür mussten wiedermal die Krankenschwester und der gutverdienende Manager. Die Krankenschwester, so die Rechnung, müsste bei Kirchhof 133 Euro Steuern im Jahr mehr zahlen - "und da fehlt auf meiner Seite noch der Grundfreibetrag", wie Eichel fröhlich dazwischenkrähte. Der Manager würde hingegen 15 000 Euro weniger Steuern zahlen müssen.

Hauptsache, das Niveau bleibt überschaubar

Die entstandene Verwirrung über unterschiedliche Auslegungen der Beispielrechnungen machte sich Kirchhof zunutzte. Es gehe dem Steuerzahler doch darum, "die total verstimmte Klaviatur des Steuerrechts zu spielen und ihm die heiteren Töne der Steuerersparnis zu entlocken". Maybritt Illner war davon offenbar so entzückt, dass sie darauf verzichtete, bei Kirchhof nachzubohren.

Wo Kirchhof im Ungefähren blieb, verstörte Eichel damit, dass er sich auf seinen Lorbeeren ausruhte. Mehrfach pries er die Steuerreformen von Rot-Grün als Wohltaten, die leider, leider nur deswegen nicht vollständig umgesetzt werden konnten, weil die Union im Bundesrat mauerte. "Die Schlupflöcher, die ich schließen wollte, hat mir die Union kaputtgemacht. 26 Milliarden Euro jährlich wollte ich, acht Milliarden Euro habe ich bekommen", rief Eichel aus, und überhaupt solle Kirchhof doch bitte mal sagen, was für Schlupflöcher das denn seien, die eine Absenkung des Steuersatzes auf 25 Prozent rechtfertigten.

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