Ungarn
Teufelskreis der Lügen

Es ist ein krasser Fall und angesichts der drastischen Äußerungen des ungarischen Regierungschefs ist die Wut vieler Bürger nachvollziehbar. Doch sein unfreiwillig veröffentlichtes Geständnis, das Volk jahrelang belogen zu haben, wirft zugleich ein Schlaglicht auf die herrschende politische Kultur – und das nicht nur in Ungarn.

Zu wenige Politiker, auch in Deutschland, besitzen das Format und die Kraft, unbequeme Wahrheiten in der Öffentlichkeit ungeschminkt anzusprechen. Doch je mehr sie die Probleme beschönigen, desto stärker wiegen sich die Bürger in der trügerischen Sicherheit, es müsse sich nichts verändern. Und wenn dann einer an diesem Weltbild rüttelt, wird er abgewählt. Aus diesem Teufelskreis der Lügen lässt sich nur noch schwer ausbrechen.

Die peinliche Enthüllung von Ungarn bietet nun vielleicht die unverhoffte Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Wenn die Wahrheit einmal ausgesprochen ist, ist ein Anfang gemacht. Es geht nicht nur darum, dass ein Volk ein Recht darauf hat, nicht belogen zu werden. Es geht um einen Wandel in der Kultur, der die Politik zukunftsfähig machen kann. Nur wenn Fehler und falsche Entwicklungen offen angesprochen werden dürfen, kann eine Organisation daraus lernen und sich verbessern. Gut geführte Unternehmen haben dies in ihrem Qualitätsmanagement längst umgesetzt.

Kleine Kinder denken manchmal, dass Probleme verschwinden, wenn sie sich die Augen zuhalten. Es wird Zeit, dass wir erwachsen werden.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum
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