Unternehmensfinanzierung
Kurze Aufhellung

Seit einer Woche fühlen sich Investmenbanker, die ihr Geld mit der Platzierung von neuen Unternehmensanleihen verdienen, fast wie in Zeiten vor der Krise.

Seither wurden Schlag auf Schlag neue Bonds über insgesamt knapp zwölf Milliarden Euro platziert oder angekündigt und damit mehr als von Mitte September bis Ende Oktober zusammen. Und: Die Investoren reißen den Konsortialbankern die neuen Papiere aus den Händen. Zu den Firmen, die Geld bei Investoren lockermachen konnten, gehören der Autokonzern BMW und die Versorger RWE, Eon und Energie Baden-Württemberg.

Damit herrscht aber noch lange nicht eitel Sonnenschein bei der Unternehmensfinanzierung über Bonds, sondern nur eine gewisse Aufhellung. Denn zum einen kommen nur besonders kreditwürdige Firmen - also solche mit Bonitätsnoten der Ratingagenturen von mindestens Einfach-A - an Fremdkapital über Firmenbonds. Zum anderen müssen sie dafür tief in die Tasche greifen und den Investoren hohe Renditen bieten, die oft einen vollen Prozentpunkt über denen von durchschnittlich ausstehenden Anleihen liegen.

Das ist für die Firmen bitter, denn die Zinsen, respektive die Renditen von Unternehmensanleihen, sind seit der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers Mitte September noch einmal deutlich in die Höhe geschnellt. Investoren scheuen nach wie vor das Risiko und verkaufen deshalb Unternehmensanleihen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass institutionelle Anleger wie Investment-oder Hedge-Fonds weiter fallende Kurse fürchten und somit weitere Abschreibungen. Die fallenden Kurse haben die Renditen in die Höhe getrieben. Im Schnitt rentieren europäische Anleihen von Unternehmen mit Ratings im vergleichsweise sicheren Bereich "Investment-Grade" nach Daten von Merrill Lynch mit 6,6 Prozent. Das ist fast einen Prozentpunkt höher als vor der Lehman-Pleite und über anderthalb Prozentpunkte höher als vor einem Jahr.

Positiv ist aber immerhin, dass Firmen guter Bonität noch Geld von den Investoren bekommen. Denn das brauchen sie, weil in den kommenden Jahren viele Anleihen auslaufen und größtenteils durch neue Bonds ersetzt werden müssen. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) beziffert das Volumen auslaufender Bonds von europäischen Unternehmen abseits der Finanzbranche mit Investment-Grade-Ratings - also mit Noten von Dreifach-A bis Dreifach- B - bis Ende 2010 auf 250 Milliarden Euro.

Die Unternehmen wissen auch, dass sie einen hohen Refinanzierungsbedarf haben und die Banken bei der Kreditvergabe restriktiver werden. Deshalb sind die Bond-Investoren für die Firmen so wichtig. Die Tatsache, dass Unternehmen im noch sehr schwierigen Umfeld mit Emissionen zuschlagen, zeigt aber auch, dass sie nicht damit rechnen, sich auf absehbare Zeit günstiger refinanzieren zu können. Im Gegenteil: Neue schlechte Nachrichten könnten bald zumindest kurzfristig wieder zu einer Eintrübung selbst für gute Schuldner sorgen.

Für Unternehmen mit schwacher Bonität, die nur sogenannte Junk-Bonds (Schrottanleihen) begeben können, ist der Zugang zu neuen Investorengeldern schon lange eingefroren. Seit Sommer 2007 - also seit dem Ausbruch der Subprime-Krise um schwache US-Hypothekenkredite - hat kein Junk-Schuldner mehr eine neue Anleihe begeben. Dabei gehören zu den schwachen Schuldnern auch namhafte Firmen wie Tui, Fresenius oder Südzucker. Mit Durchschnittsrenditen von 22 Prozent für auf Euro lautende Junk-Bonds wären neue Bonds jetzt auch kaum noch bezahlbar.

Kein Wunder also, dass auch die Ratingagenturen damit rechnen, dass die Kombination aus Rezession und Kreditklemme viele Unternehmen in die Insolvenz treiben wird. Moody's erwartet, dass in den kommenden zwölf Monaten in Europa 9,7 Prozent aller Junk-Schuldner ausfallen werden. Noch liegt die Ausfallrate bei nur einem Prozent. Die Renditen spiegeln zwar schon viel höhere Ausfälle wider. Trotzdem: Wenn es zu großen Pleiten kommt, dürften die Risikoängste der Investoren und damit die Renditen nochmals steigen. Dann wird auch die Kreditaufnahme über Bonds selbst für gute Schuldner wieder schwieriger werden.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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