Unternehmenskontrolle
Neue Fronten

In der Unternehmenskontrolle herrschen klare Fronten, bislang: hier die Kapitalvertreter, dort die Arbeitnehmer. Die Machtverhältnisse spiegeln sich in der paritätischen Besetzung der Aufsichtsräte wider. Immer häufiger taucht jetzt aber eine neue Spezies auf: Investoren aus der Fondsbranche.

Und dies mit weit reichenden Folgen, denn die Fronten verschieben sich. Private-Equity-Manager nehmen auf der Kapitalbank Platz, doch mit den Vorstellungen ihrer Kollegen haben sie meist wenig gemein. Denn ungeduldiges Kapital, das schnelle und hohe Rendite will, trifft geduldige Kapitalgeber, die nicht nur Rendite im Blick haben. Diese Verschiebung ist heute bei der Deutschen Telekom zu beobachten. Deren Ex-Chef Kai-Uwe Ricke hat es den Aktionären nicht mehr recht machen können. Er musste seinen Posten vorzeitig räumen. Klaus Zumwinkel, Vorsitzender des Telekom-Aufsichtsrates und in dieser Funktion Vollstrecker der Eigentümerinteressen, ließ mit seinen dürren Abschiedsworten keine Zweifel aufkommen, dass er Ricke auf Wunsch und im Auftrag der Aktionäre rauswarf. Denn dem neuen Telekom-Chef René Obermann setzte er gleich das Ziel, den schlappen Kurs der T-Aktie endlich zu steigern.

Was Zumwinkel nicht sagte: Wer gab den letzten Anstoß, Ricke zu kippen? Hat eine Heuschrecke Münteferingscher Ausprägung längst die Regie in Bonn übernommen? Oder durfte Finanzminister Peer Steinbrück, mit 30 Prozent immerhin größter Telekom-Aktionär, noch mal ein Machtwort sprechen? Vielleicht haben auch beide Investoren die Geduld verloren und deshalb gemeinsam auf den Personalwechsel gedrängt. Steinbrück benötigt trotz sprudelnder Steuerquellen weitere Milliarden zur Haushaltssanierung. Der Finanzminister möchte gern weitere Telekom-Aktien verkaufen. Beim aktuellen Börsenkurs wäre das ein schlechtes Geschäft. Und Blackstone-Chef Stephen Schwarzman ist seinen Geldgebern Rechenschaft schuldig, warum er den für einen Private-Equity-Fonds ungewöhnlichen Deal überhaupt gewagt hat. Sein Telekom-Engagement kann nicht im Entferntesten mit den Superrenditen der Branche mithalten, bislang jedenfalls nicht.

Rickes Rauswurf könnte auch ganz anders zu Stande gekommen sein. Steinbrück hat eigentlich keine Eile, T-Aktien zu verkaufen. So drängend sind die Finanzprobleme des Bundes derzeit nicht. Der Finanzminister kann deshalb die Rolle des geduldigen Aktionärs spielen. Zumal die Bundesregierung daran interessiert ist, den zweifelsfrei notwendigen Umbau des Telekomriesen aus Bonn eher behutsam als brutal anzugehen.

Schwarzmans Geduld dürfte dagegen längst überstrapaziert sein. Eine Dividendenrendite von sechs und mehr Prozent kann sich zwar sehen lassen. Wenn eine Beteiligung aber Werte vernichtet, weil der Börsenkurs stetig fällt, dann ist der Spaß vorbei. Nun hätte Steinbrück die Blackstones Dank des staatlichenAktiengewichts mühelos beiseite drängen können. Doch derselbe Steinbrück hat den Fondsmanagern einen Sitz im Aufsichtsrat der Telekom verschafft. Und Blackstone nutzt seine Stimme. Vielleicht war Steinbrücks Goodwill auch ein Vorgriff auf das geplante Private-Equity-Gesetz. Denn damit will die große Koalition den neuen Finanzinvestoren in Deutschland den Weg ebnen.

Der Fall Telekom zeigt aber vor allem die neue Gefechtsordnung in Aufsichtsräten. Bislang dominieren auf der Kapitalbank Ex-Vorstände aus dem eigenen Unternehmen und Manager anderer Konzerne. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die strategische Ausrichtung des Unternehmens zu begleiten. Die neuen Finanzinvestoren dagegen wollen vor allem Rendite. Sie suchen Macht und Einfluss, nicht immer mit einwandfreien Methoden. Bei der Deutschen Börse etwa schafften es HedgeFonds ohne jede Stimme im Aufsichtsrat sowohl die Strategie als auch Vorstands- und Aufsichtsratschef zu kippen. Eine Meisterleistung, die nicht ganz im Einklang mit dem deutschen Aktienrecht steht. Danach ist der Aufsichtsrat für die Überwachung der Konzernstrategie zuständig.

Versuche angelsächsischer Fonds, an den Kontrolleuren vorbei direkt Einfluss auf das Management zu nehmen, mögen in Großbritannien oder in den USA rechtens sein. In Deutschland widerspricht das den Regeln der zweistufigen Unternehmensführung mit Vorstand und Aufsichtsrat. Blackstone hat wohl auch deshalb gleich den deutschen Weg beschritten. Andere Investoren werden diesem Beispiel folgen. Ob VW, Continental oder TUI: Ersten - gescheiterten - Versuchen, Einfluss zu gewinnen, werden neue Anläufe auch in der Familie der großen Dax-Konzerne folgen. Die Vertreter des Kapitals werden sich deshalb auf ungemütliche Zeiten einrichten müssen.

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Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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