Urteile im Heros-Prozess
Kommentar: Der Staat ist auch angeklagt

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Die Verantwortlichen für einen Finanzskandal, der Schäden von mehreren Hundert Millionen Euro verursacht hat, wurden vom Gericht zur Rechenschaft gezogen – allerdings nur die direkt Verantwortlichen in der ehemaligen Führung des bankrott gegangenen Geldtransporteurs Heros. Damit ist der Skandal jedoch bei weitem nicht aufgearbeitet. Nachdem das Urteil gesprochen ist, muss endlich der Staat seine Hausaufgaben machen und darf nicht einfach Gras über die Sache wachsen lassen. Man muss sich fast wundern, dass der Richter den Angeklagten nicht mildernde Umstände zubilligte, weil man es ihnen durch völliges Aufsichtsversagen so leicht machte, das Geld zu unterschlagen, das sie zählen und transportieren sollten.

Bis heute ist eine Branche, die jeden Tag hunderte Millionen Euro Kundengelder in ihre Obhut nimmt, nicht stärker beaufsichtigt als jede beliebige Frittenbude. Und das, obwohl jeder, der will, ein geeignetes Fahrzeug leasen und als Geldtransporteur auftreten kann. Allein schon dadurch, dass man auf Kontrollen verzichtet, zieht man Leute mit krimineller Energie geradezu in diese sensible Branche.

Dass es neben der Mehrzahl seriöser Anbietern auch viele graue und einige schwarze Schafe unter den Geldtransporteuren gibt, ist bei Insidern ein offenes Geheimnis. Die Politik, die Finanzaufsicht und die Bundesbank machen es sich zu leicht, wenn sie auf die Eigenverantwortung der Kunden verweisen, die schließlich hätten ahnen können, dass bei Heros etwas faul sein musste. Es ist eine der vornehmsten Aufgaben des Staates, Bürger und Wirtschaft vor Verbrechern zu schützen. Gesetzgeber und Behörden dürfen sich daher nicht länger unter Verweis auf die eigene angebliche Nicht-Zuständigkeit aus der Verantwortung stehlen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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