US-Autoindustrie
Detroits Mythen

Mit der Autoindustrie ist es dieser Tage wie einst im Sandkasten: Schuld sind immer die anderen.

Der deutsche Hersteller Opel zeigt mit dem Finger auf die böse Konzernmutter General Motors. Die Konzernchefs aus Detroit fühlen sich ungerecht behandelt und verweisen entrüstet auf den weltweiten Konjunktureinbruch, die Mutter aller Krisen. Und könnte die sich beschweren, sie würde umgehend die bösen Banken für die miserable Lage verantwortlich machen. Dabei ist es höchste Zeit, mit zahlreichen Mythen der Autoindustrie aufzuräumen. Viele Behauptungen, die seit Wochen von glücklosen Konzernführern verbreitet und in Polit-Talkshows nur allzu gerne nachgeplappert werden, sind schlicht falsch.

Mythos 1: Die Finanzkrise ist schuld, dass es der Autoindustrie so schlecht geht. Wahr daran ist lediglich, dass die Finanzierungsmodelle im Autohandel nicht mehr funktionieren und auf diese Weise den Markteinbruch verschärfen. Was dabei völlig verschwiegen wird: Mit ungesunden Billigfinanzierungen haben die Hersteller samt angeschlossenen Autobanken den Markt in Boomzeiten künstlich aufgebläht und so auf Monate, wenn nicht Jahre verstopft.

In Kalifornien wurde 2007 fast jedes dritte Auto über so genannte "Home Equity"-Darlehen abgesetzt. Millionen von Verbrauchern haben ihr Haus beleihen lassen, um sich den nächsten Geländewagen vor die Garage zu stellen. Inzwischen wird die Quittung gereicht: in Form eines Käuferstreiks. Darüber muss sich keiner wundern. Viele Autofirmen haben den Kreditboom wild geritten und damit ein gutes Stück selbst zur Finanzkrise beigetragen.

Mythos 2: GM ist zu groß zum Sterben. Der öffentliche Druck kommt fast ausschließlich aus der Region Detroit. Dabei werden die Folgen für den Arbeitsmarkt maßlos übertrieben. Unstrittig ist, dass Hunderttausende Jobs auf dem Spiel stehen, falls einer der großen US-Autokonzerne Konkurs anmelden müsste. Wahr ist aber auch: Ein Großteil dieser Jobs ist ohnehin gefährdet, weil die Unternehmen Millionen verbrennen, die Nachfrage im Zuge der Krise massiv zurückgeht und zu viele Wettbewerber zu viele Autos für die Halde bauen. Über die andere Seite der Medaille wird herzlich wenig spekuliert: Sollten in Detroit wirklich die Lichter ausgehen, würden die Südstaaten-Fabriken von Toyota, Honda, BMW und Mercedes profitieren.

Mythos 3: Es wird einen verheerenden Dominoeffekt geben. Ja, aber nur innerhalb der Autobranche und nicht wie bei Banken im weltweiten Finanzsystem. Kein Verbraucher muss künftig Bahn oder gar Fahrrad fahren, weil GM und/oder Chrysler pleitegehen. Er steigt dann lediglich um auf die zahlreichen Marken der Wettbewerber. Hinzu kommt: Eine Insolvenz bedeutet nicht das Ende einer Firma, sondern bietet vielmehr die Chance zum Neuanfang. Nahezu alle großen US-Fluglinien haben in den vergangenen Jahren Konkursanträge gestellt und sich unter dem Gläubigerschutz-Paragrafen "Chapter 11" neu organisiert. Delta, Northwest und United Airlines fliegen bis heute weiter, als wäre nie etwas gewesen.

Mythos 4: Über den Druck des Staates kann GM gezwungen werden, umweltfreundliche Autos zu bauen. Das ist ein frommer Wunsch, denn die aufgeblähte Kostenstruktur erlaubt es Detroit-Konzernen allenfalls mit großen und entsprechend teuren Autos Geld zu verdienen - und nicht mit Miniflitzern. GM hat bereits eingeräumt, dass sein für Ende 2010 geplantes Elektroauto Volt selbst bei hoher Subventionierung allenfalls ein netter Imageerfolg werden kann, aber kein Gewinnbringer.

Mythos 5: Die Staatshilfe wird nach dem Konjunktureinbruch zurückgezahlt. Die US-Industrie hat kein Konjunktur-, sondern ein massives Strukturproblem. Selbst in den goldenen Wirtschaftsjahren zwischen 2004 und 2006 haben GM, Ford und Chrysler Milliarden verbrannt, weil sie auf Druck der Auto-Gewerkschaft UAW an längst nicht mehr zeitgemäßen Tarifverträgen festhalten und von wachsenden Soziallasten für ein Heer von Arbeitern, Pensionären und Angehörigen erdrückt werden. Detroit braucht deshalb zuallererst eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur, die es erlaubt, den Kampf gegen Toyota & Co. aufzunehmen. Erst dann haben GM & Co. eine Chance, wieder Gewinne zu erwirtschaften und Milliarden-Darlehen gegebenenfalls zurückzuzahlen.

Detroits Konzerne brauchen eine komplette Neuausrichtung deshalb viel dringender als die nächste Kapitalspritze aus Washington - am sinnvollsten über ein kontrolliertes Konkursverfahren. Wenn sich die US-Regierung schon zu weiteren Beihilfen hinreißen lässt, sollte sie Detroit wenigstens unter die Aufsicht einer staatlichen Behörde stellen, wie sie es vor Jahren dem Flugsektor verordnet hat. Sonst muss sich die Gesellschaft noch länger das Detroit-Märchen anhören, der jüngste Konjunktureinbruch sei schuld an der Automisere.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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