US-Autoindustrie
GM: Feinschnitt mit dem Bulldozer

Nach der Blitzinsolvenz hat der GM-Konzern die besten Chancen unter den drei US-Größen. Doch er darf sich nicht zu lange mit sich selbst beschäftigen.
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NEW YORK. Bis zum Wunder von Detroit hat es gerade mal 36 Tage gedauert, nicht 36 Monate wie allseits erwartet: Während Juristen noch über das atemberaubende Tempo des General-Motors-Konkurses staunen und geprellte Gläubiger an der Bulldozer-Strategie der beteiligten US-Regierung verzweifeln, darf sich die Autonation Amerika über ein vergleichsweise gesundes Baby freuen: "The New GM" ist geboren, fernab der Trümmer Detroits in einem New Yorker Konkursgericht.

Sportlich schlank sieht es aus, versorgt ausschließlich mit dem Besten und Wertvollsten, was die todkranke Mutter noch bieten konnte: Sie hat ihrem Spross vier bekannte Auto-Marken vererbt, die besten Fabriken und Patente sowie ein sauber zurechtgeschnittenes Händlernetz, das sich über den wichtigsten Absatzmarkt der Welt spannt. Hinzu kommen fürstliche Geburtstagsgeschenke der US-Steuerzahler im Wert von rund 50 Mrd. Dollar.

Die Operation GM-Rettung lief unter dem Stichwort "Surgical Bankruptcy" (chirurgischer Konkurs), doch das Auto-Sondereinsatzkommando des US-Präsidenten ging nicht mit dem feinen Skalpell zu Werke. Vielmehr hat die Task-Force geholzt, dass die Späne von Detroit bis nach Rüsselsheim flogen. Fast 130 Milliarden Dollar Schulden wurden im Konkurs abgeschnitten und in eine Abwicklungsgesellschaft ausgelagert, darunter hohe Pensionslasten, Verpflichtungen zur Krankenversicherung, Asbestklagen und vieles mehr. Obamas Truppe hat auch operativ das Kommando bei GM übernommen, Konzernchef Rick Wagoner aus dem Amt gekippt und all dessen Kumpel aus dem Verwaltungsrat entfernt. So umstritten der Prozess der Strategen aus Washington juristisch wie ordnungspolitisch gewesen sein mag, aus dem Blickwinkel der US-Autoindustrie steht unterm Strich ein beachtlicher (Zwischen-)Erfolg in Zeiten der Ausnahmekrise. Der Präsident darf sich und seiner schnellen Eingreiftruppe zugutehalten, den kollektiven Kollaps einer Schlüsselindustrie verhindert und schlimmere Schäden für die schrumpfende US-Wirtschaft zunächst abgewendet zu haben. GM, der totgesagte Weltkonzern, hat wieder Herztöne.

Zwar sind 50 Milliarden Dollar Steuergeld im Gegenzug für eine 60-prozentige Staatsbeteiligung an GM eine alles andere als gesunde Investition, aber zur Alternative stand wohl nur ein industrieweiter Zusammenbruch der Autoproduktion in den USA. Verglichen mit diesem Angstszenario, ist das Konkursverfahren der weltweit verzweigten Auto-Ikone nicht nur rasend schnell, sondern auch geräuschlos verlaufen.

Wenn GM nun umso lauter zum Neustart trommelt, ist jedoch Vorsicht angesagt. Auf kurze Sicht spricht wenig dafür, dass GM die Autowelt aufs Neue erobern könnte. Die Krise der Autoindustrie ist beispiellos, die Konkurrenz indes noch deutlich schärfer als vor dem jähen Ende des Kreditbooms. Inzwischen kämpfen 30 mehr oder minder große Hersteller weltweit um einen schrumpfenden Markt, der im laufenden Jahr Überkapazitäten von etwa 35 Millionen Fahrzeugen aufweisen dürfte. Aufgegeben hat kaum einer, im Gegenteil: Koreas Autobauer expandieren (mit Hyundai und Kia), chinesische Hersteller zeigen Interesse an Volvo und Hummer, und Indiens Tata-Konzern hat bereits Jaguar und Land Rover in Besitz genommen.

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