US-Autoindustrie
Kommentar: Auszug aus Detroit

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Streik! Das Wort hat speziell in Detroit etwas Spektakuläres. Es lässt Klassenkampf vermuten wie einst im Mai 1937: Damals knüppelte der Werksschutz von Henry Ford auf einer Fußgängerbrücke Demonstranten der US-Gewerkschaft UAW zusammen, weil sie sich für bessere Arbeitsbedingungen im Automobilbau eingesetzt hatten. 70 Jahre später hat sich die Welt dramatisch verändert und die UAW weniger dramatisch: Mit dem Streikaufruf an die Belegschaft des US-Marktführers General Motors scheint sie 2007 mit einem Mal wieder ganz die alte.

Nach zahlreichen Nachtsitzungen und neunwöchigen Verhandlungen ist ein Ausstand die letzte Karte, die UAW-Präsident Ron Gettelfinger im Tarifpoker spielen kann. Dabei kommt kein As zum Vorschein, sondern eine Pik-Sieben. Die Verhandlungsposition der Gewerkschaft ist so eklatant schwach wie die der Arbeitgeber. Was bitte soll die US-Autoindustrie noch verteilen? Marktführer GM hat sich kaum von einem Rekordverlust in Höhe von 12,4 Mrd. Dollar erholt (zum Mitschreiben: Das sind 12 400 Millionen!). Der Nachbar Chrysler gilt in Händen der Beteiligungsfirma Cerberus als erster US-Kandidat für eine Zerschlagung. Auch Ford steht finanziell am Abgrund, die letzten Vermögenswerte bis hin zu Fabriken und Firmenlogo sind frisch an Banken verpfändet.

Der Gewerkschaftsführung kann ein öffentliches Aufbäumen nutzen, um nach innen ihr Gesicht zu wahren und den Mitglieder-Exodus zu stoppen. Dann aber wird ihr Streik so kurz und spektakulär sein wie ein Sturm im Wasserglas. Sucht sie die Kraftprobe über einen längeren Ausstand, wird sich der Auszug aus Detroit und damit die Veränderungsgeschwindigkeit dramatisch beschleunigen: Für die Industrie und für die UAW.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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