US-Automobilindustrie
Analyse: Schleichtempo

Vor wenigen Wochen betonten die Chefs der drei großen amerikanischen Automobilkonzerne unisono, dass sie den teuren Rabattprogrammen endlich ein Ende setzen wollen. Es schien, als hätten General Motors (GM), Ford und Chrysler erkannt, dass sie mit ihrer Verkaufsförderung in die Sackgasse geraten sind.

Es waren so wohlklingende Bekundungen: Noch vor wenigen Wochen betonten die Chefs der drei großen amerikanischen Automobilkonzerne unisono, dass sie den teuren Rabattprogrammen endlich ein Ende setzen wollen. Es schien, als hätten General Motors (GM), Ford und Chrysler erkannt, dass sie mit ihrer Verkaufsförderung in die Sackgasse geraten sind: Die Erträge schmelzen dahin, mit dem operativen Autogeschäft verdienen die Hersteller so gut wie nichts mehr. Nur die Finanzierungstöchter sorgen noch für schwarze Zahlen.

Dann kam der Oktober mit seinen wenig erfreulichen Verkaufszahlen. Dieser für die Automobilindustrie vergleichsweise wichtige Monat bescherte dem amerikanischen Automarkt ein rundum enttäuschendes Ergebnis. Die Zahlen blieben hinter den Erwartungen zurück – im Vergleich zum Vorjahr hat der Verkauf von Neuwagen in den USA von Januar bis Oktober um zwei Prozent nachgegeben.

Folglich werden die hehren Worte aus der Vergangenheit wieder vergessen: GM, Ford und Chrysler haben die nächste Runde in der Abwärtsspirale um die automobilen Rabatte eröffnet.

Bisher galt – über den Daumen gepeilt – die Regel, dass die amerikanischen Autobauer dem Kunden beim Kauf eines Neuwagens im Durchschnitt 4 000 Dollar in Form von Rabatten oder günstigen Finanzierungsmodellen gewähren. Jetzt legen die drei großen amerikanischen Hersteller sogar noch einmal 500 Dollar drauf.

Die Konsequenzen solcher Großzügigkeit liegen auf der Hand: Sie sorgt zwangsläufig dafür, dass die Erträge noch weiter abschmelzen. Kein US-Autokonzern kann ordentlich verdienen, wenn auf Beträge in dieser Größenordnung verzichtet werden muss.

Ohnehin sind die Perspektiven für die US-Autokonzerne alles andere als rosig. Die japanischen Konkurrenten sind gerade dabei, ihre Fertigungskapazitäten in den USA ein weiteres Mal aufzustocken. Es sollte also nicht allzu lange dauern, bis auch diese neuen japanischen Modelle in den Markt drängen – und dies geht selbstverständlich zu Lasten der großen drei.

Mit Blick auf Zuverlässigkeit und Image bewegen sich die amerikanischen Hersteller im Vergleich zu ihren ausländischen Konkurrenten bereits im Rückwärtsgang. In den vergangenen Jahren haben GM, Ford und Chrysler gewaltig an Marktanteil verloren. Die großen Gewinner sind die japanischen Konkurrenten wie Toyota und Honda. Aber auch die deutschen und die koreanischen Hersteller haben aufgeholt.

Wegen der unmittelbaren Fertigung vor Ort in den USA bietet der schwache Dollar keinen großen Vorteil. Das eine oder andere Zulieferteil mag zwar noch aus Japan oder Europa kommen, doch der größte Teil der Wertschöpfung erfolgt in den Vereinigten Staaten. Aber da die neuen Werke der ausländischen Konkurrenten in der Regel viel produktiver sind, geraten die US-Hersteller eben zusätzlich unter Druck. Zudem ist die Automobilarbeiter-Gewerkschaft UAW bei Toyota & Co. so gut wie nicht vertreten – ein weiterer, unschlagbarer Vorteil für die flinken ausländischen Wettbewerber.

Speziell aus deutscher Sicht wirft die jüngste Rabattrunde ein Schlaglicht auf Daimler-Chrysler. Der Stuttgarter Konzern hält immer noch tapfer an seiner Prognose fest, wonach bei der US-Sparte in diesem Jahr gerade eben plus/minus null herauskommen wird. Mit dem neuen Nachschlag bei den Rabatten wirkt diese Ankündigung aber noch unglaubwürdiger. Bereits vorher hat kaum noch jemand geglaubt, dass Chrysler dieses ehrgeizige Ziel erreichen würde. Wie sollte dies denn auch gelingen, wenn nun noch einmal zusätzliche Rabatte an der Ertragsbasis kratzen?

Vieles deutet also darauf hin, dass sich die Daimler-Aktionäre zum Jahresende ein weiteres Mal auf schlechte Nachrichten einstellen müssen. Chrysler ist und bleibt das große Sorgenkind des Unternehmens. Zum Glück verdient Mercedes noch ordentlich; andernfalls sähe es in Stuttgart ganz düster aus. Der Daimler-Konzern könnte nur darauf hoffen, dass auf dem amerikanischen Markt endlich eine dauerhafte Besserung eintritt. Nur dann wäre es möglich, mit Chrysler auch wieder einmal richtig Geld zu verdienen.

Doch eine solche Perspektive ist für den amerikanischen Markt nicht in Sicht. Das Problem der Überkapazitäten bleibt ungelöst, durch die zusätzlichen Produktionsstätten der Japaner wird es sich eher noch verschärfen. Deshalb kann es im Moment aus Sicht von Daimler nur die eine unbefriedigende Schlussfolgerung geben: Der Rabattkrieg geht unvermindert weiter, bis ein Hersteller die Zahl seiner Fabriken reduziert. Und für die Daimler-Aktionäre geht die Durststrecke definitiv noch immer nicht zu Ende.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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