US-Börsen
Bärengefahr

Es war einmal ein perfektes Szenario für Börsianer: kräftig steigende Firmengewinne, fallende Zinsen, niedrige Inflation. Dazu der Hunger kapitalkräftiger Finanzinvestoren, immer neue Konzerne über Schwindel erregende Kaufofferten von der Börse zu nehmen. Für die Wall Street war das lange Zeit Treibstoff ohne viel Schadstoff. Denn bis weit ins Jahr 2006 hinein kletterten die Gewinne der US-Konzerne steiler als ihre Börsenbewertungen.
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Eine brummende Heimatkonjunktur, strammes Exportwachstum im Handel mit boomenden Schwellenländern sowie ein Schuss Phantasie durch hohe Übernahmeprämien bildeten den Nährboden für neue Rekordmarken in den USA. Anfang Juni markierte der Dow Jones Industrial Average mit 13 756 Punkten einen neuen Höchststand. Seitdem schaukelt der Index heftig hin und her. Doch die schmerzlichen Korrekturtage mit Tagesverlusten von mehr als 100 Punkten häufen sich. Die Wall Street startet hochgradig nervös in den Sommer, weil Investoren klar wird, dass ihr perfektes Szenario Geschichte ist. Die Ära außergewöhnlich niedriger Zinsen neigt sich dem Ende zu. Das stört die Laune an den Aktienmärkten und macht andere Anlageformen attraktiver. Die zehnjährige US-Staatsanleihe, die weithin als Messlatte für festverzinsliche Wertpapiere gilt, kletterte Anfang Juni auf 5,3 Prozent, so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Mittelfristig verteuern sich damit die Finanzierungen, beim Verbraucher wie auf der Unternehmensseite. Gefährlich ist das vor allem für die Private-Equity-Branche, die über Firmenkäufe zum zentralen Treiber der weltweiten Börsen-Hausse wurde. Für ein Geschäftsmodell, dessen Erfolgsgeheimnis extrem niedrige Kosten bei der Fremdfinanzierung sind, wird die Luft fortan dünner. Nach Berechnungen der Ratingagentur Standard & Poor’s wollen sich Finanzinvestoren in den nächsten Monaten mehr als 250 Milliarden Dollar besorgen, um ihre Deals zu finanzieren. Werden die Kredite teurer, womit zahlreiche Experten Ende 2007, spätestens aber 2008 rechnen, drohen die bisherigen Superrenditen von Blackstone, Cerberus & Co. zu zerbröseln. Bereits jetzt gibt es Signale für eine Abschwächung des Booms: Zwar pumpen Investoren weiterhin massiv Geld in die Fonds, doch ihre Anlagen werden riskanter. Viele Übernahmekandidaten sind an der Börse inzwischen so hoch bewertet, dass sich die Buy-out-Modelle kaum mehr rechnen. Hinzu kommt, dass die Gegenwehr vieler Alteigner wächst. Sie wollen sicherstellen, dass sie im Falle eines Verkaufs an späteren Profiten mitverdienen können. Auffällig ist darüber hinaus, dass mit Blackstone ein Hauptakteur des Booms neuerdings auf der Verkäuferseite steht. Guten Morgen, Bär! Der mit Abstand größte Aktienverkauf des Jahres taugt schon symbolisch zum ultimativen Weckruf für all jene, die noch immer an eine endlos laufende Geldmaschine namens Private Equity glauben.

Die Blase auf den Kreditmärkten ist ein akutes Warnsignal. Doch die Gefahren für die US-Börsen kommen von mehreren Seiten. Zwar gibt es positive Signale, dass die Wirtschaft nach einem Durchhänger im ersten Quartal (Wachstum 0,6 Prozent) bereits wieder Fahrt aufnimmt. Aber Störfaktoren wie die Krise am Immobilienmarkt sowie weiter steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise sind nicht zu unterschätzen. Sie drohen den privaten Konsum zu schwächen, der die US-Konjunkturlok seit Jahren am Laufen hält. Volkswirte der Commerzbank warnen in einer Studie, der US-Verbraucher werde auf das Ende des Häuserbooms „früher oder später deutlich reagieren“ und seine zuletzt negative Sparquote anheben müssen. Über den sich anbahnenden Kollaps einiger Hedge-Fonds und einen weiteren Anstieg der Hypotheken könnte der Markt zusätzlich unter Druck geraten. Ob die US-Konjunktur in diesem Umfeld nachhaltig durchstarten kann? Die Optimisten hoffen, dass es so kommen wird. Doch die Zahl der Skeptiker wächst. Abzulesen ist dies an der deutlich gestiegenen Volatilität der Börsen.

Steigende Zinsen allein sind beunruhigend für die Wall Street, doch erst im Verbund mit steigenden Unternehmensbewertungen werden sie Gift für die Börse. Der Ratingagentur Standard

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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